Lexikon der Filmbegriffe

3D-Kinematographie: Anaglyphenverfahren

von griech. anaglyph = reliefartig, ziseliert, erhaben

Anaglyphenbilder (manchmal auch: Stereogramme) sind übereinander gedruckte, gezeichnete oder projizierte Bilder eines Bildpaares in Komplementärfarben, die bei Betrachtung mit einer Brille, deren Gläser die komplementären Farben (rot/grün oder rot/blau) aus dem Gesamtbild herausfiltern, in die beiden Halbbilder aufgegliedert werden, die stereoskopisches Sehen ermöglichen. Das Prinzip wurde in den 1850er Jahren unabhängig voneinander mehrfach beschrieben und technisch umgesetzt (Wilhelm Rollmann, 1853; Joseph Charles d’Almeida, 1858; Ducos du Hauron, 1858).
Erste Versuche datieren noch aus den 1910er Jahren. Edwin S. Porters Jim the Penman aus dem Juni des Jahres 1915 z.B. wurde in zwei Fassungen ausgeliefert – eine flache für den normalen Gebrauch und eine anaglyphische Fassung, die Porter mit seinem Ko-Regisseur William E. Waddell am Astor Theater in New York vorgestellt hatte. Der erste vollständig in diesem Verfahren gearbeitete Film (The Power of Love) wurde am 27.9.1922 mit zwei Projektoren in Hollywood aufgeführt; er zeigte die Abenteuer eines Kapitäns in Kalifornien um 1840. Das Verfahren, das Filme dieser Zeit benutzten, nannte sich plasticon oder plastigram. 1922 wurde in New York ein Film aufgeführt, der zwei alternative Enden hatte – wollte der Zuschauer das happy ending sehen, schaute er nur durch den roten Farbfilter; das tragische Ende konnte man durch das grüne Brillenglas sehen. Pete Smiths Audioscopiks, den die MGM 1935 produziert hatte und der für den Oscar nominiert wurde, war der erste 3D-Tonfilm. Der Film nutzte einen Zweifarben-Technicolor-Auszug, den die Ingenieure J.A. Norling and J.F. Leventhal an den anaglyphischen Rot-Grün-Auszug angepaßt hatten. Zwei weitere Filme Smiths folgten (Metroscopiks, 1938; Three Dimensional Murder, 1941). Damit endet die anaglyphische Phase des 3D-Films – die meisten späteren Versuche fußen auf dem Polarisationsverfahren.

Literatur: Vuibert, H.: Les anaglyphes géométriques. Paris: Librairie Vuibert 1912.


Artikel zuletzt geändert am 10.12.2011


Verfasser: JH


Zurück