Lexikon der Filmbegriffe

weiße Sklavin

In der viktorianischen und wilhelminischen Gesellschaft um 1900 wurde die Figur der weißen Sklavin –  der von Mädchenhändlern verschleppten und zur Prostitution gezwungenen Jungfrau – zu einem der populärsten Themen der Massenkultur. Nach Romanen, Groschenheften, Gemälden und Theaterstücken fand sie sich auch der Film: Der insgesamt 45minütige Film Den hvide slavehandels sidste offer (aka: Den hvide Slavehandel, Dänemark 1910/11, August Blom) erzählte eine kolportagehafte Geschichte von internationalem Mädchenhandel, wurde zu einem internationalen Erfolg und zog zahlreiche weitere Filme des Motivs nach sich (darunter A Traffic in Souls, USA 1913, George Loane Tucker). In den späten 1920ern verlor das Motiv an Bedeutung (Die weiße Sklavin, Deutschland/Frankreich 1927, Augusto Genina).
Nicht nur, dass die „weiße Sklavin“ (oder die ihr nahestehende Figur der Odaliske, der Haremsdienerin) es gestattete, den Diskurs über weibliche Reinheit und „schmutzige“ Sexualität filmisch zu erzählen, über weibliche Passivität resp. Gefährdetheit und männliches Tugendwächtertum sowie die Rolle der Männer als  Garanten der gesellschaftlichen Ordnung erzählerisch zu entfalten, sie entfaltet zugleich eine scharfe Kritik an den Vergnügungswelten ebenso wie die Zurschaustellung derer Attraktionen; es sind zudem rassistische Motive im Spiel (die Mädchenhändler entstammen oft dem orientalischen Raum, sind jüdische Bewohner der Levante etc.); und die Kommerzialisierung der weiblichen Sexualität erscheint darüber hinaus als Produkt der Urbanisierung, als Ausfluss der Kapitalisierung der Welt.
Filme wie L'esclave blanche (Frankreich 1939, Marc Sorkin, G.W. Pabst) oder  La tratta delle bianche (Italien 1952, Luigi Comencini) hatten den Kern des älteren Motivkreises und seine diskursive Einbindungen bereits ausgangs der 1930er weitestgehend verloren. Es war in die Genres des Kriminalfilms und vor allem des Sexploitations-Kinos aufgegangen (insbesondere die Lager- und Camp-Filme, den WIP-Film u.ä.), auch wenn in den Titeln bis heute auf das ältere Motiv Bezug genommen wird.

Literatur: Lindsey, Shelley Stamp: ‘Oil upon the Flames of Vice'. The Battle over White Slave Films in New York City. In: Film History 9,4, 1997, S. 351‑364. – Sabelus, Esther: Die weiße Sklavin. Mediale Inszenierungen von Sexualität und Großstadt um 1900. Berlin: Panama 2009.

Referenzen:

WIP film


Artikel zuletzt geändert am 24.08.2014


Verfasser: KB


Zurück