Lexikon der Filmbegriffe

Zeit im Film

(1) Eine erste Ebene der Zeitrepräsentation im Film ist diejenige der  physikalischen Zeit. Hier sind es Verfahren der Zeitraffung und Dehnung (vor allem auf der Manipulation der Laufgeschwindigkeit beruhend), der Darstellung von Gleich- oder Nachzeitigkeit (als Effekt der Montage, oft kombiniert mit kausalen Beziehungen zwischen Elementen), der Zeitverkehrungen (etwa in Flashbacks und Flashforwards). Das Vorfilmische scheint sich in allen diesen Formen als realium auf die Leinwand zu drängen, als erblicke der Zuschauer durch die Bilder hindurch ein Stückchen Realität (ob es nun inszeniert oder vorgefunden ist, ist dabei gleichgültig). In diesem Sinne wird manchmal die filmische Zeit- mit Bewegungsdarstellung verbunden – das erstere wird durch das zweite sichtbar; Zeit selbst muss erschlossen werden.

(2) Komplexer ist die Repräsentation der Formenwelt der psychischen Zeit. Zeitdarstellung lässt sich nicht auf reine Geschehenszeit reduzieren – in allen menschlichen Vollzügen tritt der physikalischen Zeit die psychische an die Seite: die Form der erlebten Dauer, der Gleichzeitigkeit und der zeitlichen Sukzession, als Erlebnisdichte in begrenzten Zeiträumen, als Gedächtnis- oder Erwartenszeit, als imaginierte Zeit usw. Zeit ist nichts Homogenes, sondern Teil der materiellen, der kulturellen und der subjektiven Erlebniswelten gleichermaßen.

(3) Für den Film (wie für andere zeitdarstellende Medien und Künste auch) tritt die Textzeit hinzu, die im jeweiligen Text konstruierte Zeitmodelle, beruhend auf der Mehrschichtigkeit des semiotischen Materials und zumindest zum Teil den Wissenshorizont der Zuschauer integrierend. Filmische Texte oder Teiltexte (vor allem Musikszenen, aber auch Avantgarde-Filme, lyrische Filme u.ä.) können eine Eigenzeit konstituieren, die nicht aus vor- oder außerfilmischer Zeiterfahrung abgeleitet werden kann.

(4) Allen Ebenen dargestellter oder textuell konstituierter Zeit tritt die Zeitlichkeit des Texterlebens gegenüber. Sie ist zeitlich gespannt, umfasst Hypothesen, Erwartungen, Erinnerungen. Sie ist grundsätzlich gerahmt vom Bewusstsein, dass sich die Aneignung in einem symbolisch-textuellen Raum ereignet, dass sie auf modellhaften Vorstellungen der dargestellten Zeit beruht oder in ein eigenes Konstrukt zeitlichen Erlebens mündet.

Literatur: Ernst, Gustav (Red.): Zeit. Wien: SYNEMA 1999. – Lim, Bliss Cua: Translating time. Cinema, the fantastic, and temporal critique. Durham [...]: Duke University Press 2009. – Mroz, Matilda: Temporality and film analysis. Edinburgh: Edinburgh University Press 2012.

Referenzen:

Analepse

Augenblick

erzählte Zeit

Filmzeit

Prequel

Prolepse

Rückblende

Sequel

Vorausblende

Zeitdeckung

Zeitlupe

Zeitlupe / Zeitraffer

Zeitraffer

Zeittotale


Artikel zuletzt geändert am 15.09.2015


Verfasser: HJW


Zurück