Lexikon der Filmbegriffe

Chernucha

Neologismus aus russ. chernyj = schwarz und der russ. alltagssprachlichen, groben Bezeichnung der Pornografie (= pornucha)

Als Chernucha wird eine Reihe von sowjetischen Sozialdramen aus der zweiten Hälfte der 1980er bezeichnet, die den damaligen sowjetischen Alltag in schwarzen Farben aufzeigen. Die Selbstbezeichnung wertet die Filme zu Unrecht als ,Trash‘ ab: Die filmische Gestaltung ist angesichts der finanziellen Budgetierung der Filme durchaus qualitätsvoll, einige Filme wurden sogar vom Staat finanziert. An der Chernucha versuchten sich sowohl junge als auch erfahrene Regisseure und Regisseurinnen, und einige der Werke weisen gar experimentelle Züge auf.
Die Chernucha-Filme wurden hauptsächlich durch die Perestroika initiiert. Sie üben in erster Linie Kritik am Sozialismus, indem sie zentrale ideologische Figuren, institutionelle Schauplätze und Parolen der sozialistischen Ordnung als dysfunktional entlarven. Zu diesem Zweck zeigen sie Tabubereiche des sowjetischen Lebens, die zuvor kaum in der Öffentlichkeit thematisiert worden waren: Prostitution, Korruption, Drogenkonsum, Alkoholismus, Gewalt, aber auch Sexualität, die ihrerseits oft an Gewalt gekoppelt wird. Bei den Figuren handelt es sich nicht länger um Helden und Heldinnen der sozialistischen Arbeit, sondern um gescheiterte, oft heruntergekommene Einzelne. Deutlich wird, dass die sowjetische Gesellschaft jenen sozialen Aufstieg der Arbeiter/innen gerade nicht gewährleisten konnte, der in den früheren sozialistischen Filmen proklamiert worden war. Das Kollektiv – ein zentraler sozialistischer Mythos – entpuppt sich nun als gewalttätig und unsolidarisch. Die Schauplätze präsentieren wichtige sozialistische Institutionen, die ihrerseits Orte der Gewalt sind: Familie, Schule, Miliz, Armee und verschiedene Staatsbehörden. Sie erscheinen durchgehend in desaströsem Zustand – was durch den Einsatz von Filtern und Unschärfe ästhetisch unterstrichen wird – und signalisieren Ausweglosigkeit. Die Handlung besteht aus einer Aneinanderreihung unglücklicher und gewaltsamer Sachverhalte, die unweigerlich zum Scheitern der Figuren führen: Sie sterben oder verursachen den Tod anderer Personen, gehen ins Gefängnis oder verlieren ihr Gesicht.

Filmbeispiele: Malen’kaja Vera (Kleine Vera, 1988, R. Vasilij), Interdevo (Intergirl, 1989, R. Petr Todorovskij), Tragedija v stile rok (Tragödie im Rock-Stil, 1988, R. Savva Kuliš), Igla (Die Nadel, 1989, R. Rašit Nugmatov), Karaul (Die Wache, 1989, Aleksandr Rogo).

Literatur: Binder, Eva: Der Film der Perestrojka. In: Geschichte des sowjetischen und russischen Films. Hrsg. v. Christine Engel. Stuttgart/Weimar: Metzler 1999, S. 256-307. – Gradinari, Irina: Chernucha. Schwarzmalerei á la Russe. In: Montage AV 23,1, 2014, S. 101-119. – Sirivlja, Natal’ja: Der lange Schatten des Perestrojka-Films. In: Eisensteins Erben: Der sowjetische Film vom Tauwetter zur Perestrojka 1953-1991. Hrsg. v. Eva Binder & Christine Engel. Innsbruck: Abt. Sprachwissenschaft des Instituts für Sprachen und Literaturen der Universität 2002, S. 39-45. – Yampolsky, Mikhail: Cinema without Cinema. In: Russian Critics on the Cinema of Glasnost. Ed. by Michael Brashinsky & Andrew Horton. Campridge University Press 1994, S. 11-17.


Artikel zuletzt geändert am 24.08.2014


Verfasser: IG


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