Lexikon der Filmbegriffe

Ethnopornographie

Die sexuelle Ausbeutung der Kolonisierten ist ein Seitenthema der Kolonisationsgeschichte, die in der Pornographie (in Gattungen wie interracial sex und ähnlichem) bis heute auch im Pornofilm lebendig ist. Oft wird sie als Fortführung des Kolonialismus im modernen Gewande angesehen, dabei zwischen Faszination und Unterdrückung des Publikums schwankend. Das Anderssein der Kolonisierten (genauer: der nicht-westlichen Kulturen) wird dabei fetischisiert und mit sexuellen Bedeutungen aufgeladen; die Differenz kann auch mit Schmuck, Kleidung, kulturellen Symbolen ausgedrückt werden. Ethnopornographie wird von weißen Angehörigen der bürgerlichen Bildungs-Mittelschicht bevorzugt, die sich im Genuss der Pornographica ihrer eigenen Weltoffenheit und ihres Interesses an kultureller Differenz versichern, auch wenn deren Werthorizonte inkompatibel mit den Werten der eigenen Identität der Betrachter sind. Es sind Qualitäten des Authentischen, einer spirituell-komplexen Einheit von Körper und sexuellem Verhalten, manchmal auch die Unterstellung einer ursprünglichen, vorzivilisatorischen Sexualität, die den kolonisierten Körpern zugeschrieben werden. Der „kolonialistische Blick“, sexuelles Interesse und lustvolle Unterdrückung des Anderen gehen eine Allianz ein und setzen die Beziehung von Kolonisatoren und Kolonisierten im Pornographischen fort, wie sie sich bereits in Berichten von Priestern, Kaufleuten und Besatzungssoldaten in der Zeit der Kolonisation herausgebildet hatte. Das Konzept, das den Neokolonialismus-Studien entstammt, hat sowohl eine historische Dimension und versucht, die „kolonialen Beziehungen“ auf ihre sexuellen Komponenten hin auszuloten, wie auch eine aktuelle, indem sie den neuen Manifestation einer sexuellen Faszination an der Sexualität nicht-westlicher Kulturen nachspürt.

Literatur: Whitehead, Neal L. / Segal, Peter: Introduction. In: Ethnopornography. Ed. by Whitehead & Segal. Online: <http://www.academia.edu/169099/Ethnopornography>. – Boone, Joseph Allen: The homoerotics of Orientalism. New York: Columbia University Press [2014]. – Schick, Irvin Cemil: The erotic margin. Sexuality and spatiality in alteritist discourse. London [...]: Verso 1999.


Artikel zuletzt geändert am 07.06.2015


Verfasser: JvH


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