Lexikon der Filmbegriffe

proairetische Codes

von griech.: prohairesis (= Wahl, Entscheidung) – als philosophischer Begriff in der Nikomachischen Ethik von Aristoteles gefasst

In seinem Buch S/Z schlug Roland Barthes vor, in der Textanalyse nicht die durch den Text hindurchscheinenden psychologischen, sozialen und philosophischen Denk- und Diskursstrukturen zu rekonstruieren, sondern sich auf die Strategien und Schichten zu konzentrieren, die die poietische [!] Gemachtheit des Textes anzeigen und seiner textuellen Ordnung zugrundeliegen. Es handelt sich um insgesamt fünf unterscheidbare Strata: (1) die proairetischen (oder aktionalen) Codes sind die Terme, Oppositionen und Korrelate der Handlungskette (zu beschreiben auf der Basis einer Handlungsgrammatik); (2) die hermeneutischen Codes der Rätselsetzung und späteren -auflösung  organisieren das Spiel mit dem Wissen bzw. der Unwissenheit des Zuschauers (oder auch der Figuren oder des Erzählers), mit Lüge und Täuschung, Verschweigen und Enthüllen; (3) der symbolische Code konstituiert alle im Text vorliegenden Analogien, Parallelen, Antithesen und Gradationen, fußt also nicht auf dem kulturellen Repertoire der Symbole, sondern sucht besondere Leistungen der Symbolisierung im Text auf; (4) der semische Code umfasst alle indirekten Charakterisierungen der Orte und der Figuren und konstituiert ein Netz von Andeutungen und Indikationen, die der Leser oder Zuschauer zusammensetzen muss; (5) der referentielle (oder gnomische) Code schließlich verweist auf  den Satz kollektiver Wissens- und Glaubensbestände und auf kulturelle Wissensstandards.

Literatur: Barthes, Roland: S/Z. Frankfurt: Suhrkamp 1976. Zuerst frz.: Paris: Seuil 1970.


Artikel zuletzt geändert am 29.10.2014


Verfasser: HJW


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