Lexikon der Filmbegriffe

hermeneutische Differenz

auch: hermeneutische Distanz

Der Gegenstand des Verstehens steht dem verstehenden Subjekt zunächst in Distanz gegenüber, er ist fremd, abständig, distanziert und muss erst im Verstehensakt angeeignet werden. Dabei müssen drei verschiedene Ebenen der Differenz überwunden bzw. im interpretativen Akt ausgeglichen werden: Jede Art von Verstehen findet in einer Ausgleichsbewegung zwischen Fremdheit und Vertrautheit statt. Eine erste Differenz ist die der Sprachen bzw. der semiotischen Codes, die im Gegenstand möglicherweise einer anderen Kommunikations- und Sinngemeinschaft zugehören als der Verstehende; es bedarf der Übersetzung, die selbst interpretative Momente umfasst. Eine zweite Differenz ist historischer Art – jeder einmal fixierte Text altert unaufhaltsam und die historische Differenz zwischen ihm und dem (gegenwärtigen) Interpreten wächst notwendigerweise. Und zum dritten ist die Differenz zwischen den im Text verwendeten rhetorischen und poetischen Mitteln und der gewohnten alltäglichen kommunikativen Umgebung des Verstehenden der Anlass, dass dieser seinerseits die Funktionen und Bedeutungspotentiale der ungewohnten Mittel im Text erfassen muss (einschließlich der subtextuellen Funktionen, der Andeutungen und indirekten Bedeutungsweisen etc.). Das Wissen um die Differenz des Textes zum Wissens- und Überzeugungszusammenhang des Rezipienten gehört zum „Aneignungsbewusstsein“ dazu, ist über andere Gratifikationen der Rezeption hinaus eine der Grundlagen der „Aneignungslust“. Die Lehre der hermeneutischen Differenz verlagert zudem die Bedeutung von Texten in die Geschichte ihrer Rezeptionen, weil die gesellschaftliche Aneignung immer in einem Feld sich verändernder Sinnbezüge ereignen muss und auf Aktualisierungen der Sinnpotentiale der Texte aufruht; der Text entfaltet sich in einer Kette von Konkretionen, ist darum nur als Rezeptionsgeschichte in Gänze erfassbar.

Literatur: Gadamer, Hans‑Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 3. Aufl. Tübingen: Mohr 1972.


Artikel zuletzt geändert am 17.12.2014


Verfasser: HJW


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