Lexikon der Filmbegriffe

Oral History: Film

Gerade für die Aufarbeitung von individueller oder gruppenspezifischer historischer Erfahrung bietet die Oral History ein oft unverzichtbares Instrumentarium, das seit den 1970er Jahren zunehmend in den sozialhistorisch interessierten Dokumentarfilm einfließt. Außerdem liegt sie als Methode auch zahlreichen filmhistorischen Dokumentationen zugrunde. Insbesondere Filme über die Shoah haben versucht, mit der Methode des freien Sprechens Opfererfahrungen zu gewinnen, die damit eine niegewonnene Öffentlichkeit erlangten. Zu den bekanntesten Filmen dieser Themengruppe gehören Shoah (Frankreich 1985, Claude Lanzmann,) und Bruxelles Transit (Belgien 1982, Samy Szlingerbaum), die allerdings auch die Grenzen der Methode offenlegten, weil manche Erfahrungen so stark blockiert sind, dass sie auch im freien Sprechen nicht mitteilbar sind. Ein anderes bekanntes Beispiel sind Filmprojekte, die z.B. von Mitgliedern indigener Gruppen selbst durchgeführt werden oder Kolonialgeschichte aus der Sicht der Kolonisierten neu konfigurieren.
Um die Methode der Oral History sind auch mehrere audiovisuelle Archive entstanden, die große Mengen von Filmmaterial versammeln, um es späterer Forschung zugänglich zu machen. Dazu gehört das bekannte Projekt der Shoah Foundation von Steven Spielberg über die Erfahrungen der KZ-Häftlinge, das Projekt Archimob (= Archives de la mobilisation) um den Filmemacher Frédéric Gonseth, das Hunderte von Zeugnissen über die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs gesammelt hat, oder das Online-Archiv Zwangsarbeit 1939-45 über die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während der Nazi-Zeit.

Literatur: Lacasse, Germain (éd.):  Pratiques orales du cinéma. Textes choisis. Paris: L'Harmattan 2011. – Knopf, Kerstin: Decolonizing the lens of power. Indigenous films in North America. Amsterdam [...]: Rodopi 2008.

Referenzen:

Interview

Oral History


Artikel zuletzt geändert am 17.12.2014


Verfasser: HHM PB


Zurück