Lexikon der Filmbegriffe

Oral History

auch im Dt. üblich; wörtlich: mündliche Geschichte

Das Konzept der Oral History entstammt der Geschichtswissenschaft (entstanden in den 1930ern) und bezeichnet den methodischen Zugang des Interviews von Zeitzeugen (oft mit Hilfe von Tonbandaufzeichnungen). Im Ausgang stand das sozialhistorische Interesse daran im Vordergrund, durch das Sprechenlassen von Durchschnittsmenschen und Betroffenen – durch die Bank kleine Leute, die in der offiziellen Geschichte keinen Platz haben – einen Zugang zu einer historischen Erfahrung unter- oder außerhalb der Geschichte der großen politischen Ereignisse und Persönlichkeiten zu gewinnen, eine Alltags- und Mentalitätengeschichte, die es ermöglicht, in verschiedenen und unvertrauten Milieus und Lebenswelten einen „Blick von innen“ (view from inside) zu gewinnen. Dabei sollten die Zeitzeugen möglichst wenig vom Interviewer oder Filmemacher beeinflusst werden. Die kommunikative Macht des Interviewers, das Gespräch zu steuern, wurde bewusst aufgelöst zugunsten eines freien Berichts, einer unbeeinflussten Erzählung, so dass gerade lange Zeit vernachlässigte Gebiete und Gegenstände der Sozialgeschichte (soziale und kulturelle Randgruppen, feministische Bewegung, Minoritätsprobleme und ähnliches) rekonstruierbar wurden. Heute wird der Begriff der Oral History ganz irreführenderweise gerade von dieser Voreinstellung einer „demokratischen Geschichte“ gelöst und auf alle Formen des vom Interviewer durch Fragen und Nachfragen kontrollierten Zeitzeugeninterviews übertragen.

Literatur: Niethammer, Lutz: Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“. Frankfurt: Syndikat 1980. – Vorländer, Herwart (Hrsg.): Oral history. Mündlich erfragte Geschichte. Acht Beiträge. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1990.


Artikel zuletzt geändert am 17.12.2014


Verfasser: HJW


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