Lexikon der Filmbegriffe

pikanter Film

v. frz. piquant = „stechend, spitz, stachelig, reizend“; auch: delikater Film

Wollte man die in der ersten Jahrhunderthälfte durchaus übliche, noch in den 1950ern lesbare Bedeutung der Werbebezeichnung „pikanter Film“ umschreiben, stieße man auf Adjektive wie „unanständig“, „zweideutig“, „a-/unmoralisch“, „unzüchtig“, „anstößig“, „unschicklich“, „zotig“, „anrüchig“ oder gar „obszön“. Bereits in der Frühzeit des Films waren Filme erotischen Inhalts verbreitet, die ihre Attraktivität fast immer aus der Darstellung des nackten Frauenkörpers gewannen (wie etwa die Entkleidungsfilme Le Coucher de la Marie, Frankreich 1896, Eugen Pirou, oder Après le Bal, Frankreich 1897, Georges Méliès; daneben fanden sich lebende Photographien, Bauch- und Serpentinentänze, Sujets wie „Der Maler und sein Modell“ u.ä.). Um 1905 entstanden erste Produktions- und Verleihfirmen für derartige Filme wie der in Wien ansässigen Saturn-Film (1906-10). In den 1910ern versuchte die Zensur, die Flut pikanter Filme einzudämmen; in Deutschland etwa fielen Umarmungs‑ und Kussszenen, Darstellungen des Ehebruchs, Entkleidungen, Bettszenen sowie seltsamerweise Apache‑ und Schiebertänze unter Zensurbeschränkungen.
Die Sitten- oder Aufklärungsfilme der späten Kriegszeit und der 1920er waren viel weniger eindeutig, sondern ambivalent konzipiert – sie reklamierten ein pädagogisches Interesse und befriedigten zugleich voyeuristische Bedürfnisse. Filme wie Hyänen der Lust (1919, Otto Rippert) provozierten nicht nur bürgerlichen Protest, sondern auch den der Frauenverbände, was dazu führte, dass der „pikante Film“ mehr und mehr aus dem Kino verschwand und einen neuen Ort als Schmalfilm im Kontext von Herrenabenden, von Club- und Cabaret-Veranstaltungen und ähnlichem fand. Er stand dann in Konkurrenz zu Life-Aufführungen und anderen visuellen Medien, behielt aber die Charakteristik bei, vor allem männliches Publikum zu adressieren.

Literatur: Goergen, Jean-Paul: Der pikante Film. In: Elsaesser, Thomas / Wedel, Michael (Hrsg.): Kino der Kaiserzeit. München: Ed. Text + Kritik 2002,  S.45‑59.


Artikel zuletzt geändert am 17.12.2014


Verfasser: HHM


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