Lexikon der Filmbegriffe

Krisengeschichte

auch: Krisenhistoriographie; engl.: crisis historiography

Mit crisis historiography bezeichnet Altman eine krisenhafte Phase der Neubestimmung der Beziehungen im Gesamt des verfügbaren Medienensembles. Jedes technisch realisierte neue Medium beginnt seine Nutzungslaufbahn in einem instabilen und unsicheren Status hinsichtlich des Bezuges zu den bekannten und etablierten Medien und deren Funktionen. Anders formuliert: Wenn neue Medien entstehen, sind deren Bedeutungen und Funktionen erst im Laufe der Zeit durch die sich verschiebenden Automatisierungen, Ritualisierungen und kontextuellen Gewohnheiten der angestammten Mediennutzung, durch die Ermöglichung neuer Nutzungsmöglichkeiten, durch die Erweckung von Wünschen nach veränderten oder gar neuen Formen des Medienumgangs und durch den langsamen Prozess der Anpassung geformt. Die „Krise“ eines neuen Mediums wird aufgelöst, wenn sich die Wahrnehmung des Mediums sowie dessen praktische Einpassung in alltägliche Muster des Informationsverkehrs, der Kommunikations- und Unterhaltungsformen eingefügt hat (und dann seinen Neuheitscharakter naturgemäß verliert). Die Krisenhaftigkeit der Einführung neuer Medien wird flankiert und unterstützt durch Marktinteressen der Medienproduzenten, oft auch durch Rechtsunsicherheiten (hinsichtlich des Urheberrechts, der stattlichen Hoheitsrechte und der oft noch ungeklärten Aufsichts- und Kontrollfunktionen etc.). Die Auflösung der Krisenphase besteht also nicht allein in der Herausbildung von Nutzungsmustern, sondern auch in der Integration der neuen Techniken und Technologien in die bestehende Wirtschafts- und Rechtsordnung.

Literatur: Altman, Rick: Silent film sound. New York [...]: Columbia University Press 2004, S. 15-26. – Wedel, Michael: Filmgeschichte als Krisengeschichte. Schnitte und Spuren durch den deutschen Film. Bielefeld: Transcript 2011.


Artikel zuletzt geändert am 17.12.2014


Verfasser: HHM


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