Lexikon der Filmbegriffe

multiple-draft narratives

manchmal auch abgekürzt: MDN; dt. etwa: Filme der vielen Handlungsentwürfe; manchmal als umgreifende Form des „Gedankenspielfilms“

Der Begriff „multiple-draft narratives“ (MDN) bezeichnet Filme, die alternative Handlungsverläufe einer zugrundeliegenden Geschichte zumeist „seriatim“ erproben und dabei die Idee ausnutzen, dass jede Geschichte auch anders hätte verlaufen können. Die Bezeichnung spielt darauf an, dass Drehbuchautoren üblicherweise verschiedene Drehbuchentwürfe (drafts) erproben, bevor sie sich im shooting script auf einen endgültigen Handlungsverlauf festlegen. Von David Bordwell in die Filmnarratologie eingeführt, prägt der Begriff den aktuellen Diskurs zu komplexen filmischen Erzählphänomenen wie puzzle films, complex narratives, forking-path plots und mind-game movies.
MDNs bilden typische Erzählstrukturen heraus. So setzen die alternativen Handlungsverläufe bei Gabelungspunkten der Story an (in Groundhog Day wacht Bill Murray z.B. immer wieder am gleichen Tag um 6 Uhr morgens auf). Zudem favorisieren MDNs eine begrenzte Anzahl an alternativen Handlungsverläufen, von denen einer letztendlich als tatsächlicher Handlungsverlauf markiert wird (so kommt es in It’s a Wonderful Life und Groundhog Day zum Happy End). Darin unterscheiden sich MDNs z.B. von forking-path plots wie L’Année Dernière à Marienbad (Frankreich 1963, Alain Resnais), die keinen dominanten Erzählstrang vorsehen. Diese Tendenz wurde darauf zurückgeführt, dass gerade das Mainstreamkino sich bemüht, seine Geschichten so zu gestalten, dass auch durchschnittlich kognitiv begabte Zuschauer ihnen folgen können. Gründe für das Aufkommen von MDNs sind u.a. (1) die infolge der Omnipräsenz audiovisueller Medien zunehmende Medienkompetenz auch durchschnittlicher Zuschauer, (2) die wachsende Konkurrenz durch digitale Spiele und der diesen innewohnenden „Computerspiellogik“ (Levelstrukturen, multiple Spielhandlungsoptionen), (3) der Bedarf an Filmen, die zu mehrfachen Filmsichtungen animieren und sich dadurch für den Heimkinomarkt vermarkten lassen.

Klassische Filmbeispiele: It’s a Wonderful Life (USA 1946, Frank Capra) und Rashomon (Japan 1950, Akira Kurosawa); neuere Filme sind Groundhog Day (USA 1993, Harold Ramis), Lola rennt (BRD 1998, Tom Tykwer), Sliding Doors (USA 1998, Peter Howitt), Butterfly Effect (USA/Kanada 2004, Eric Bress/, J. Mackye Gruber), Source Code (USA 2012, Duncan Jones) und Edge of Tomorrow (USA 2014, Doug Liman).

Literatur: Bordwell, David: Film Futures. In: SubStance 31,1 [=97], 2002, S. 88-104. – Branigan, Edward: Nearly True: Forking Plots, Forking Interpretations. A Response to David Bordwell’s ‘Film Futures’. In: SubStance 31,1 [=97], 2002, S. 105-114. – Buckland, Warren (ed.): Puzzle Films: Complex Storytelling in World Cinema. New York: Blackwell 2009.

Referenzen:

forking path


Artikel zuletzt geändert am 17.12.2014


Verfasser: PS


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