Lexikon der Filmbegriffe

Autoethnographie

Ursprünglich der qualitativen Sozialforschung entstammend, ist die Autoethnographie ein ethnologisches resp. -graphisches Untersuchungskonzept, das auf subjektive Wissensbestände zurückzugreifen versucht. Während Konzepte wie die „teilnehmende Beobachtung“ (Bronislaw Malinowski) oder die „dichte Beschreibung“ (Clifford Geertz) noch an der Differenz von Forscher und Erforschten festhält, sucht die authoethnographische Forschung gerade durch Teilnahme des Forschers an komplexen (vor allem ästhetischen) Prozessen (wie etwa das Schreiben von Geschichten, das Fotografieren oder Filmen einer Lebenswelt oder einzelner Episoden aus derselben, zeichnerische Dokumentation von Alltagserfahrungen etc.) für den Forschenden eine Innenwahrnehmung der Prozesse zu eröffnen, die auf geteilter Erfahrung beruht. Das Konzept ähnelt in mancher Hinsicht der Ethnomethodologie, geht aber insbesondere in der Spielart der performativen Ethnographie (Norman K. Denzin) darüber hinaus, weil es bei der Herstellung kultureller Artefakte um die Konstruktion sinnhafter ästhetischer Rahmen für die Interpretation der Lebenswelt, der Konstruktion sozialer Selbstwahrnehmung und ähnliches geht.


Autoethnographische Verfahren sind auch im Dokumentarfilm angewendet worden, in Sonderheit bei solchen Filmen, in denen der Filmemacher – seine Erinnerungen, seine Reflektionen über dieselben, seine Wahrnehmungen des Politischen oder anderer Segmente des Realen – zugleich das Sujet des Films bildet. Eine Reklamation auf Objektivität ist ausgesetzt, Authentizität wird allein im Gestus der Selbstreflektion, dem Anspruch auf Ehrlichkeit u.ä. reklamiert.


Das Methodenarsenal der Autoethnographie findet auch in der Fanforschung Anwendung.


Literatur: Ploder, Andrea / Stadlbauer, Johanna: Autoethnographie und Volkskunde? Zur Relevanz wissenschaftlicher Selbsterzählungen für die volkskundlich-kulturanthropologische Forschungspraxis. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 116,3-4, 2013, S. 373-404. – Russell, Catherine: Experimental ethnography. The work of film in the age of video. Durham, NC [...]: Duke University Press 1999. - Wendel, Johann: Fenster zur Welt. Interkultureller Film, marginalisierte Jugendliche und Performance‑Autoethnographie. Frankfurt: Lang‑Ed. 2015 (LiteraturFilm. 8.). – Winter, Rainer (Hrsg.): Ethnographie, Kino und Interpretation – die performative Wende der Sozialwissenschaften. Der Norman‑K.‑Denzin‑Reader. Bielefeld: transcript 2008 (Cultural Studies. 30.). – Wohlfeil, Markus / Whelan, Susan: Saved! by Jena Malone: An Introspective Study of a Consumer's Fan Relationship with a Film Actress. Journal of Business Research 65,4, 1012, S. 511‑519.


Artikel zuletzt geändert am 20.04.2015


Verfasser: HJW


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