Lexikon der Filmbegriffe

Dekadrieren

auch: Dekadrage; von frz.: décadrage; dt. etwa: Dezentrieren


Geht es bei der Komposition von Einstellungen meist darum, das wichtigste Objekt im Bildfeld zu zentrieren – sei es, dass es in der Mitte des Feldes erscheint, sei es, dass es in Teilungen wie dem Goldenen Schnitt eine privilegierte Position des „Bildthemas“ gibt –, gab es in der Zeit der reflexiven Neuen Wellen nach 1960 (etwa bei Michelangelo Antonioni, Jean-Luc Godard, oder Jean-Marie Straub und Danièle Huillet) eine ausgeprägte Tendenz, dieses Prinzip aufzugeben und das Bildobjekt zu dezentrieren. Die Bildmitte wird als entleert, das thematische Objekt findet sich in den normalerweise peripheren teilen des Bildes. Zum Dekadrieren wird oft auch die Verdeckung des Bildobjektes oder die Verkantung des Bildes gegenüber der Horizontalen gerechnet. Genaueres Hinsehen zeigt allerdings, dass die décadrage in aller Regel semantisch motiviert ist, also keineswegs ein rein formaler Verstoß gegen ein fast normativ gesetztes Bildideal ist. Beispiele finden sich auch in viel älteren Filmen (etwa von Sergei Eisentein oder Carl-Theodor Dreyer).


Literatur: Pascal Bonitzer: Peinture et cinéma. Décadrages. Paris: Ed. de l‘Etoile 1987. Mehrere Neuaufl.


Artikel zuletzt geändert am 20.04.2015


Verfasser: JvH


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