Lexikon der Filmbegriffe

Musikszenarium

In der zweiten Hälfte der 1920er entwickelten deutsche Kino‑Kapellmeister Musikszenarien, die länger und komplexer angelegt waren als traditionelle Musiklisten zur Stummfilm‑Begleitungen. Verständlich ist der Strategiewechsel der Kompilationspraxis, den ähnlich konzipierte cue sheets im englischsprachigen Raum der späten 1920er ebenfalls vollziehen, nur als Versuch einer Lösung von Problemen, die im Zuge immer komplexerer Spielfilmdramaturgien und wachsender künstlerischer Ansprüche an die Musik im Kino entstanden. Musiklisten waren ohnehin von Anfang an eine Notlösung, um „passende“ Musik unter hohem Zeitdruck zu arrangieren, und ihre Mängel traten alsbald deutlich vor Augen und Ohren: Punktuell illustrierende Versatzstücke zu verschiedenen Szenen und Einstellungen folgen, selbst wenn sie „passen“, aufeinander, statt auseinander – ein musikalisch‑dramaturgisches Manko, das auch durch die Wahl übergeordneter Themen („Love Theme“ etc.) und die Improvisation von Übergängen nur notdürftig kompensiert werden kann. Musikszenarien reduzieren hingegen die starre Festlegung auf konkrete musikalische Nummern und zielen auf ein tieferes Verständnis narrativer und dramatischer Strukturen, auf Spannungskurven, voraus‑ und zurückdeutende Verweise, Höhe‑ und Tiefpunkte einer Filmhandlung sowie neuartige, den klassizistischen Theorien der geschlossenen Dramenform unbekannte Plotstrukturen wie Rückblende und Parallelmontage. Eine komplementäre Funktion erfüllen die zunehmend komplexen topischen Systematiken der Musikalien‑Kataloge in der späten Stummfilmära, indem sie nicht mehr nur szenische Stichwörter (cues), sondern auch dramaturgische Potenziale von Musik verzeichnen und in hierarchischen Taxonomien anordnen. Die Adressaten sowohl der Musikszenarien als auch der Kataloge – Kinokapellmeister, Salonorchester, Pianisten und Organisten gerade der kleineren, provinziellen Lichtspiel‑Theater – sollten sich idealiter zu Musikdramaturgen bilden.


Artikel zuletzt geändert am 20.04.2015


Verfasser: TP


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