Lexikon der Filmbegriffe

Rezeptionsgeschichte


engl.: reception history; von lat.: recipere = aufnehmen


(1) Der Begriff der Rezeptionsgeschichte entstammt der Literaturwissenschaft der späten 1960er Jahre. Im Zentrum des Konzepts stand die Annahme, dass literarische und andere künstlerische Werke nicht eine einzige, feststehende Bedeutung haben, sondern in sich verändernden historischen Rezeptions- oder Erwartungshorizonten – sich verändernden kollektiven, subkulturellen und individuellen Wissenshorizonten – in verschiedenen Zeiten verschieden verstanden und erschlossen werden. Insbesondere empirisch arbeitende und sozialhistorisch ausgerichtete Textwissenschaftler sind darauf angewiesen, die jeweils virulenten diskursiven, ästhetischen, geschmacklichen, moralischen Kontexte zu rekonstruieren, die zeitgenössische Rezipienten an den Text herantragen, die sich unter Umständen massiv von den Wissensbeständen und Rezeptionserwartungen unterscheiden, die später oder unter veränderten sozialen Bedingungen mit dem Text amalgamiert werden. Textverständnisse sind danach nicht aus ihren historischen Bedingungen zu lösen.



Neben solche rekonstruktiven Aufgaben tritt die Untersuchung von Rezeptionsdokumenten aller Art (Tagebucheintragungen, Publikumsskandale, Rezensionen, Zensurakten, literarische Texte usw., aber auch Auflagenzahlen, Zuschauerzahlen usw.), die als Indikatoren für zeitgenössische Rezeptionsbereitschaften und -gratifikationen gewertet werden müssen.


(2) Eine andere Herangehensweise widmet sich der „produktiven Textrezeption“, die sich auf Textreihen stützt, die den gleichen Stoff, die gleichen Motive und Geschichten neu adaptiert und für ihre – dem Original gegenüber – „andere Zeit“ (sprich: sich verändernde Erwartungs-, Rezeptions- und Bedeutungshorizonte) aufbereitet. Neben der Spekulation über den „Einfluss“, der zwei Texte miteinander verbindet, treten in dieser Sicht vor allem intertextuelle, parodistische und gattungsbezogene Beziehungen ins Zentrum der Analyse, wenn es sich nicht um Neuadaptionen handelt.


Literatur: Grimm, Gunter E.: Rezeptionsgeschichte. Grundlegung einer Theorie. Mit Analysen und Bibliographie. München: Fink 1977. – Hohendahl, Peter Uwe (Hrsg.): Sozialgeschichte und Wirkungsästhetik. Dokumente zur empirischen und marxistischen Rezeptionsforschung. Frankfurt: Athenäum‑Fischer 1974. – Warning, Rainer (Hrsg.): Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis. München: Fink 1975. – Weber, Heinz‑Dieter (Hrsg.): Rezeptionsgeschichte oder Wirkungsästhetik. Konstanzer Diskussionsbeiträge zur Praxis der Literaturgeschichtsschreibung. Stuttgart: Klett‑Cotta 1978.


 


Literatur zum Film: Kaes, Anton: Shell Shock Cinema: Weimar Culture and the Wounds of War. Princeton, N.J.: Princeton University Press 2009. – Staiger, Janet: Interpreting films. Studies in the historical reception of American cinema. Princeton, N.J.: Princeton University Press 1992. – Stokes, Melvyn / Maltby, Richard (eds.): Identifying Hollywood's audiences. Cultural identity and the movies. London: BFI Publications 1999. 

Referenzen:

Cultural Poetics

New Historicism


Artikel zuletzt geändert am 01.09.2015


Verfasser: HJW


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