Lexikon der Filmbegriffe

Twist Ending


von engl.: twist = unerwartete Wendung



Das Twist Ending ist eine Finalisierungskonvention, welche diegetischen Prämissen des Films durch die Aufdeckung neuer Informationen vollständig umdeutet und die vorangegangenen Annahmen im Zuge dessen als fehlerhaft markiert. Es bewirkt eine Re-Evaluation der bis zum Ende einer Erzählung dominanten Diegese-Ebene und macht damit eine weitere, bis dahin verborgene Diegese-Ebene sichtbar. Diese zweite diegetischen Ebene kann in Modus, Genre oder Gattung verschieden von der bis dahin als verbindlich angenommenen Ebene sein; der Ebenenwechsel wird über einen Plot Twist, häufig im Zusammenspiel mit einer Anagnorisis, kommuniziert, der das Ende – ungeachtet vom Spannungsaufbau, der schon vorher erfolgt sein mag – einleitet. Plot Twist und Anagnorisis lösen eine Peripetie aus, die auf verschiedenen Ebenen ansetzen kann – abhängig von der vorliegenden Art des Normverstoßes. Diese macht einen Synthetisierungsprozess erforderlich, in dem die zweite (verborgene) Diegese-Ebene mit der ersten (offenen) Diegese-Ebene abgeglichen und re-evaluiert wird. Oft begleitet ein flashback tutorial, das die zentralen umzudeutenden Szenen nochmals aneinander montiert, die Inszenierung dieser Anagnorisis. In vielen Fällen schließt sich außerdem ein kurzer Epilog an, der entweder die Konsequenzen des Twist Endings vertieft oder noch einen weiteren Plot Twist enthält, der nunmehr als Schlusspointe fungiert.



Es können vier Typen des Twist Endings unterschieden werden: Der „Wake-up Twist“ (Aufwachen aus Traum oder Halluzination), der „Set-up Twist“ (Aufdecken einer Verschwörung oder Inszenierung), der perzeptive Twist (die Wahrnehmung der fokalisierten Hauptfigur erweist sich als nicht objektivierbar) und der narrative Twist (Annahmen über die filmische Diegese erweisen sich als falsch). Viele Twist Endings sind Mischformen dieser vier Grundkategorien. Die Handlung vor einem Twist Ending ist in aller Regel kausal erzählt, d. h. in einem mehr oder weniger klassischen Stil gehalten, da ansonsten der strukturelle Normverstoß des Plot Twists nicht mehr als solcher wahrnehmbar wäre. Das Twist Ending existiert seit der Frühzeit der Filmgeschichte (Let Me Dream Again, Großbritannien 1900, George Albert Smith) und wird in Langfilmen seit Das Cabinet des Dr. Caligari (Deutschland 1919, Robert Wiene) relativ regelmäßig eingesetzt. Ein regelrechter Boom von Twist Endings ist im Nachfeld des großes kommerziellen Erfolges von The Sixth Sense (USA 1999, M. Night Shyamalan) und Fight Club (USA 1999, David Fincher) zu beobachten.


Literatur: Strank, Willem: Twist Endings. Umdeutende Film-Enden. Marburg: Schüren 2014. Kurzfassung: Das überraschende Ende. In: Cinema, 59, 2014, S. 120-126. – Barratt, Daniel: „Twist Blindness“. The Role of Primacy, Priming, Schemas, and Reconstructive Memory in a First-Time Viewing of The Sixth Sense. In: Puzzle Films. Complex Storytelling in Contemporary Cinema. Ed.by Warren Buckland. Chichester: Wiley-Blackwell 2009, S. 62-86. – Wilson, George (2006) Transparency and twist in narrative fiction film. In: Thinking through cinema: Film as philosophy. Ed, by Murray Smith & Thomas Wartenberg. Oxford/New York: Blackwell 2006, S. 81-95.


Artikel zuletzt geändert am 03.09.2015


Verfasser: SW


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