Lexikon der Filmbegriffe

Harems im Film (1)

von arab.: harim = (1) unverletzlicher Ort; (2) Sammelbezeichnung für: weibliche Familienmitglieder, Ehefrauen


Ein Harem ist ein abgeschlossener und bewachter Wohnbereich in einem arabischen Herrschaftshaus, in dem die (Ehe-)Frauen untergebracht sind. Die räumliche Isolation ebenso wie die Unzugänglichkeit des Harems für alle Außenstehenden umhüllt ihn als Geheimnis, als sexuelle oder erotische Anderswelt ebenso wie als Vorstellung eines Gefängnisses. Von Beginn der Filmgeschichte an gehört er zur Charakteristik der dargestellten arabischen Welt und wurde – gerade weil so weniges über ihn bekannt war – zu einer Projektionsfläche, auf der sich diverse erotische Phantasien entfalten konnten. Die Präsenz von Gewalt in den meisten dieser Anverwandlungen fällt auf, oft vermischt mit der Differenz orientalischer und okzidentalischer welt. Ein eigenes Motiv wurde der Harem als Ort der Verschleppung europäischer Mädchen in die arabische Welt (und deren Rettung durch abendländische Helfer-Helden wie in Münchhausen, Deutschland 1943, Josef von Baky); des öfteren erfolgt die Entführung vor dem Hintergrund politischer Konflikte (wie in Harem - The Loss of Innocence, USA 1985, Billy Hale). Der Harem kennt mehrere Auslegungen – als Ort der Sexualität in Filmen wie in dem Softsex-Film Emmanuelle 5 (Frankreich 1986, Walerian Borowczyk), als Pornofilm (wie Der lüsterne Türke, BRD 1970, Renato Frustratus) oder in dem sadistischen Sexploitation-Film Ilsa, Harem Keeper of the Oil Sheiks (Kanada 1975, Don Edmonds), als Bild unerreichbarer und romantisierter Weiblichkeit wie in Les Belles de nuit (Frankreich 1952, René Clair), in dem eine Kassiererin im Traum in eine verführerische Haremsdame verwandelt wird, aber auch als Bild für die Widerstände, die der wahren Liebe entgegenstehen (wie in Sumurun, Deutschland 1920, Ernst Lubitsch). Daneben finden sich eine ganze Reihe von Klamotten, in denen männliche Akteure in harems eindringen müssen (wie in You Know What Sailors Are, Großbritannien 1954, Ken Annakin, ein Marineoffizier auf der Suche nach einem geheimen Radar-Gerät in einen Harem eindringen muss).


Das Vorstellungsbild des Harems weist bis in den Orientalismus des 18. Jahrhunderts zurück (erinnert sei an Mozarts Oper Die Entführung aus dem Serail, [1782]). Filme, die die stereotype Vorstellung,  ein Harem sei eine Art Bordell mit Liebessklavinnen gewesen, und die vielmehr seine eigentliche Realität als Ort als Werkstatt, Kinderhort und Schule zeigen, sind selten; ein Beispiel ist der Dokumentarfilm Schule der Frauen ‑ Geschichten aus dem Harem (BRD 1998, Merlyn Solakhan, Manfred Blank). 


Artikel zuletzt geändert am 13.06.2016


Verfasser: KB


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