Lexikon der Filmbegriffe

Leihkörper

Dass der Zuschauer körperlich in die Rezeption von Filmen eingebunden ist, lässt sich empirisch an diversen physiologischen Reaktionen leicht zeigen. Wie allerdings die Leib-Teilhabe an der Rezeption modelliert werden kann, ist erst im Zuge der neu-phänomenologischen Überlegungen vor allem Vivian Sobchacks thematisch geworden. Weil die meisten der Körperreaktionen unterhalb der Bewusstseinsschwelle bleiben, werden sie als ein eigenes Feld sinnlich erfahrbarer, vorreflexiver Formen filmischer Illusionsbildung angesehen, die die Rezeption nicht nur begleiten, sondern sogar maßgeblich konstituieren. Das dem „cinästhetischem Körper“ Sobchacks verwandte Modell des Leihkörpers wurde von Christiane Voss vorgeschlagen. Gemeint ist damit der illusionierende Entwurf einer imaginären Körperlichkeit, die eine zeitlich begrenzte Repräsentation der Leiblichkeit des Zuschauers ist, die er im Akt der Rezeption dem Text zur Verfügung stellt. So wird es möglich, in der Filmrezeption gewisse im Alltag nicht verbalisierbare somatische Regungen im Kontext des Leinwandgeschehens zu vergegenwärtigen, zu einem Strom eigenen Erlebens umzuformen. Es ist eine affektive Verlebendigung des Textes, die zur vorreflexiven Grundlage der ästhetischen Erfahrung im Kino wird. Der Leihkörper wirkt wie ein sensorisch‑affektiver Resonanzkörper, der das Filmgeschehen in ein Geschehen im spürenden Körper des Rezipienten transformiert. Der empirische Körper des Zuschauers wird in Gestalt des Leihkörpers zum proximalen Pendant des Films, während die narrative Struktur (wie andere kognitiv zugängliche Elemente oder Schichten des Films) in distalem Abstand verbleiben.


Literatur: Morrey, Douglas: Bodies That Matter. In: Film Philosophy 10,2, 2006, S. 11-22, URL: http://www.filmphilosophy.com/2006v10n2/morrey.pdf. – Sobchack, Vivian Carol: Carnal thoughts. Embodiment and moving image culture. Berkeley [...]: University of California Press 2010. – Tedjasukmana, Chris: Mechanische Verlebendigung. Ästhetische Erfahrung im Kino. Paderborn: Fink 2014. – Voss, Christiane: Der Leihkörper. Erkenntnis und Ästhetik der Illusion. München: Fink 2013. 


Artikel zuletzt geändert am 05.10.2016


Verfasser: HJW


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