Lexikon der Filmbegriffe

Yesilçam‑Kino


türk., dt. etwa: grüne Tanne; engl. gelegentlich: Green Pine cinema



Seit den 1950ern war die türkische Filmproduktion eine der produktivsten der Welt (mit um die 200 bis 300 Filmen pro Jahr). Yesilçam ist der Name der Straße, im Istanbuler Stadtteil Beyoglu, an der sich die Firmen der türkischen Filmindustrie ansiedelten. Um den riesigen Bedarf zu decken und gleichzeitig die Kosten zu deckeln, entstand eine eigene Strategie des Rip-Off erfolgreicher Hollywood-Filme. Sie wurde erzwungen durch den Mangel an Kapital ebenso wie durch die nicht vorhandene oder überalterte Technik und die fehlende Ausbildung der Film-Handwerke; dass Regeln des internationalen Urheberrechts nicht beachtet wurden, befeuerte das Kopieren von Stoffen, Musiken und Erzählweisen zusätzlich. Ein besonderes Problem war der Mangel an Rohfilmmaterial, weshalb sich der Mehrfachdreh von Szenen verbot. Auch wurden Sicherheitsstandards bei den Dreharbeiten nur selten eingehalten.


In der Adaption fand auch eine Assimilierung der Filme an die Traditionen der türkischen Kultur und der oralen Erzähltradition statt. Die meisten der Filme waren Melodramen, in denen der Protagonist oder die Protagonistin mit herben Schicksalsschlägen zu kämpfen hatten, die sie in stark übertreibender Manier zum Ausdruck brachten; es finden sich aber auch Filme anderer Genres (Musicals, Action- und Gangsterfilme, SF-Filme usw.). Die westliche Kritik rechnet sie zum Exploitations-Kino – zu Recht, weil hier nicht nur Stereotype Vorstellungsbilder ausgebeutet werden, sondern die Vorlagen buchstäblich zum Material werden. Die Anekdote erzählt, dass des öfteren Szenen aus den Originalfilmen herausgeschnitten wurden und in die Neuversion eingebaut wurden. Auf diese Weise kompilierte etwa der Science-Fiction-Film Dünyayi Kurtaran Adam (IT: The Man Who Saves the World, 1982, Çetin Inanç) Bild‑ und Ton‑Samples aus insgesamt 16 Filmen. The Wizard of Oz (1939), Some Like It Hot (1959), Superman (1978) – kaum ein Blockbuster wurde nicht kopiert und manchmal bearbeitet (z.B. um weitere populärmythologische Figuren wie Rockerbanden oder Zombies angereichert).


Erst die Wirtschaftsliberalisierung der späten 1980er, die den Markt für Hollywood‑Ware öffnete und damit an das internationale Copyright anschloss, beendete die Phase der türkischen filmindustriellen Collage und des mashing-ups.


Film: Remake, Remix, Rip‑Off – Kopierkultur und das türkische Pop‑Kino; BRD/Türkei 2014, Cem Kaya.


Literatur: Kirel, Serpil: Ye_ilçam öykü sinemasi. Istanbul Babil: Kadiköy 2005. – Mutlu, Dilek Kaya: Between Tradition and Modernity: Yesilçam Melodrama, its Stars, and their Audiences. In: Middle Eastern Studies 46,3, 2010, S. 417‑431. – Sari Karademir, Burcu: Turkey as a “Willing Receiver” of American Soft Power: Hollywood Movies in Turkey during the Cold War. In: Turkish Studies 13,4, 2012, S. 633‑645. – Scognamillo, Giovanni: Türk sinema tarihi. 2. 1960‑1986. Istanbul: Metis Yayinlari  1988. 

Referenzen:

Türkploitation


Artikel zuletzt geändert am 05.10.2016


Verfasser: KB


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