Lexikon der Filmbegriffe

Grupo Ukamau

1968 gründeten Jorge Sanjinés (Regisseur) Osca Soria (Autor) Antonio Eguino (Kameramann) und Ricardo Rada (Produzent) in Bolivien das Filmkollektiv Grupo Ukamau. Der Name spielt auf den Film Ukamau (1966, Jorge Sanjinés) an, der von der Vergewaltigung und Ermordung der Frau eines Indianers durch einen reichen Mestizen und der Rache des Mannes der Toten erzählt. Bereits 1969 entstand Yalwar Mallku (Das Blut des Condors), wiederum unter der Regie Sanjinès‘. Der reportagehaft-kühl erzählte Film greift die sozialen und rassischen Spannungen des Landes auf, spricht von Regierungs- und Polizeigewalt, amerikanischer Entwicklungshilfe und Einflussnahme, von der heimlichen Zwangs-Sterilisation indianischer Frauen und ähnlichem, vor allem aber: vom Widerstand  der indianischen Bevölkerung. Der Film wurde weltweit wahrgenommen, obwohl er verboten werden sollte. Er nimmt deutlich Bezug zum Eisenstein‘schen Revolutionskino, markiert seinen politischen Ort auch in der Nutzung der indianischen Holzflüte, die zum musikalischen Stereotyp zahlreicher anderer Filme wurde. Es folgte El coraje del pueblo (Der Mut des Volkes, 1971, Sanjinès) über ein Massaker, das die Polizei an streikenden Minenarbeitern 1967 verübt hatten. Damit waren die Themen abgesteckt, die die Filme der Gruppe behandelten: die Spannungen zwischen Machthabenden und Unterdrückten, Arbeitskämpfe, die Befreiungsversuche der indianischen Bevölkerung Boliviens, die Geschichte des Landes bis in die Zeit der Conquistadores zurück. Teile der Produktion mussten im Exil realisiert werden. Der Einsatz von Flashbacks, die Integration von Zeugenaussagen, multiperspektivische Darstellung des Geschehens, elliptische Strukturen, verbunden mit einer Poetik der langen Einstellungen – mit welchen filmsprachlichen Mitteln der Inhalt in den Filmen der Gruppe gearbeitet wurde, war für Arbeit des Kollektivs dauerndes Thema, die Einigung darüber zum Kern der Solidarität der Gruppe, die mit Aktionen und Manifesten auch öffentlich kommuniziert wurde. Mit La nación clandestina (Die geheime Nation, 1989, Sanjinès) über einen Indianer, der zu den Wurzeln seiner rassischen Identität zurückfindet, endet die aktive Phase der Gruppe. Die neueren Emanzipationsbewegungen der bolivianischen Indianerpopulation haben die Programmatik der Grupo Ukamau überholt; die wenigen neueren Produktionen (Para recibir el canto de los pájaros, 1995, oder  Insurgentes, 2012) spielten in der politischen Kultur des Landes keine Rolle mehr.


Manifest der Gruppe: Sanjinès, Jorge & / The Ukamau Group: Theory and practice of a cinema with the people. Willmantic, Conn.: Curbstone Press 1989. Orig.: 1979.


Literatur: Hanlon, Dennis Joseph: Moving cinema: Bolivia's Ukamau and European political film, 1966‑1989. PhD Thesis, University of Iowa, 2009, URL: http://ir.uiowa.edu/etd/374. – Sánchez‑H., José: The Art and Politics of Bolivian Cinema. Lanham, Mad.: Scarecrow Press 1999. – Vilanova, Núria: Descolonización y cine: la propuesta indígena de Jorge Sanjinés hoy. In: Bolivian Studies Journal/Revista de Estudios Bolivianos 19, 2012-13, S. 88-104. 


Artikel zuletzt geändert am 05.10.2016


Verfasser: HHM


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