Lexikon der Filmbegriffe

Autofiktion

Das Konzept der Autofiktion entstammt der französischen narratologischen Literaturwissenschaft. Man versteht darunter einen Ich-Roman oder eine Ich-Erzählung, die vorgetragen wird, als handele es sich um eine Autobiographie oder eine autobiographische Episode. Formal fallen zahllose Werke der Literaturgeschichte unter die Kategorie, die dann von analytischem Interesse wird, wenn die Geschichte zwar für sich reklamiert, erfindungsfrei zu sein, der Erzähler der Geschichte aber dennoch als Stellvertreter, Maske oder Avatar des tatsächlichen Autors betrachtet wird: weil dann ein Spiel mit Authentizität und Wahrheit einsetzt, das eine spezifische skeptische, auf der Entzifferung des Zusammens von Wissens, Aufrichtigkeit basierende Lektürehaltung gestattet. In einer anderen Perspektive lassen sich autofiktionale Elemente als Strategien verstehen, autobiographisches Sich-Äußern als (mit fiktionalen Elementen angereicherte) Inszenierung des Autors anzusehen, der sich autofingierend zugleich zeigt und verbirgt. Obwohl sie behaupten, gerade nicht zu inszenieren, enthalten auch Dokumentar- und Pseudodokumentarfilme autofiktionale Impulse – man denke an Ulrich Schamonis Chapeau Claque (1974) sowie den posthum erschienenen Abschied von den Fröschen (2012).


Literatur: Jones, E.H.: Autofiction: A Brief History of a Neologism. In: Life Writing. Essays on Autobiography, Biography and Literature. Ed. by Richard Bradford. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2009, S. 174-184. - Gasparini, Philippe: Est‑il je? Roman autobiographique et autofiction. Paris: Seuil 2004. - Literatur: Boillat, Alain: Je(u) fictionnel: Les avatars de l’auteur Lionel Baier dans Garçon stupide et Comme des voleurs. In: Alain Boillat, Philipp Brunner, Barbara Flückiger (Hrsg.): Kino CH / Cinéma CH. Rezeption, Ästhetik, Geschichte. / Réception, Esthétique, Histoire. Marburg: Schüren 2008, S. 143-158.


Artikel zuletzt geändert am 30.01.2017


Verfasser: JH


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