Lexikon der Filmbegriffe

Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien

bis um 30.3.2003: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften; oft kurz: BPS, BpjS, BpjM


Mit Berufung auf den Art. 20 (GG) wurde die staatliche Aufgabe, Einflüsse von Kindern und Jugendlichen fernzuhalten, die ihren Reifungsprozess negativ beeinflussen können, wurde vom Deutschen Bundestag 1953 Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften (GjS) als „Vorbeugegesetz“ verabschiedet (in Kraft seit dem 14.7.1953). Zur Durchführung des Jugendmedienschutzes eine Bundesoberbehörde unter dem Namen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) ins Leben gerufen (konstituierende Sitzung: 18.5.1954, erste Arbeitssitzung: 9.7.1954), das der Dienstaufsicht des Bundesministeriums des Innern, später der des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit unterstellt war; heute ist sie  dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nachgeordnet. Ihre Mitglieder – die Beisitzerinnen und Beisitzer einschließlich der/des Vorsitzenden – sind im Rahmen der Indizierungsverfahren nicht an Weisungen gebunden. Die Gegenstände der Prüfung wurden bis heute mehrfach geändert. 1978 wurde der Kreis der Antragsberechtigten über die Obersten Jugendbehörden der Länder hinaus auf alle Landesjugendämter und alle örtlichen Jugendämter erweitert, weshalb sich die Zahl der möglichen Antragsberechtigten von 11 auf ca. 500, seit der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands sogar auf rund 800, was sich auch sehr deutlich auf die Anzahl der Indizierungsanträge ausgewirkt hat. 1985 wurden unter Berufung auf das Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit (JöSchG, seit dem 23.7.2002 auf   Grundlage des Jugendschutzgesetzes [JuSchG]) auch Videofilme zu Werken, die von der BPS indiziert werden konnten. Erneut wurde der Kreis der möglichen Prüfungsantragsteller um die Anregungsberechtigten erweitert: alle Behörden in Deutschland (z.B. Polizeibehörden), die nicht schon antragsberechtigt sind, sowie alle anerkannten Träger der freien Jugendhilfe. Die BPM besteht aus hauptamtlich tätigem Personal und ehrenamtlich tätigen Beisitzerinnen und Beisitzern der Gremien (dem mit der eigenlichen Indizierungsarbeit betrauten 12er‑ und 3er‑Gremium).


Die Geschichte der BPS/BPM ist auch eine Geschichte zahlreicher Skandale. Etwa der Eingriff in die eigentliche Gestalt von Pasolinis Saló (1975) hat bis heute (2016) dazu geführt, dass der Film in ursprünglicher Gestalt in der BRD bis heute nicht zugänglich ist. Geradezu paradoxe Effekte hatte die Indizierung einer Unzahl von Splatterfilmen – der Spruch der BPS/BPM wurde in der Fan-Gemeinde fast wie ein Qualitätssiegel wahrgenommen.


Literatur: Barsch, Achim: Literaturtheoretische Implikationen des rechtlichen Jugendmedienschutzes in der Indizierungspraxis der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften unter Berücksichtigung der Medienwirkungsforschung. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 21,1, 1996, S. [128]-165. – Buchloh, Stephan: Wider die Schmutzflut. Jugendschutzdebatten und -maßnahmen in der frühen Bundesrepublik Deutschland. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 2, 2000, S. 157-187. – Einecke, Jörg: Über die Tätigkeit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Eine Untersuchung unter dem Aspekt des Kunstschutzes. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 2,6, 1972, S. 45-63.

Referenzen:

Gewaltverherrlichung


Artikel zuletzt geändert am 30.01.2017


Verfasser: HHM


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