Lexikon der Filmbegriffe

Giftmord im Film

Der Giftmord weist kulturgeschichtlich bis in die Antike zurück. Erst in der Neuzeit häufen sich Geschichten über das Gift als ein Mittel, mit dem man in soziale Kleinaggregate – sprich: Familienstrukturen – eingreifen kann, um Beziehungen interpersoneller Gewalt zu beenden, um Erbfolgen zu manipulieren oder in den Besitz der Opfer zu gelangen. Immer ist ein privates Motiv der Befreiung oder der Bereicherung im Spiel, und immer geht es darum, die Tat zu verschleiern oder vor den Augen der anderen zum Verschwinden zu bringen. Der Giftmord wird zum Element einer „naiven“ Kriminologie der Privatperson.


Erst im 20. Jahrhundert wird der Einsatz von Giften aus der dieser Privatisierung der Tat entbunden und zum Element politischer Aktion (im Krieg und im Terror) und zu einem Element, das schlicht der industriellen Produktionsweise zugeordnet wird, als Kollateralschaden gilt. In allen diesen Fällen geht es nicht mehr um private und individuelle Verantwortung – sie werden nicht mehr als Tatsachen des Kriminellen gewertet.


In der gegenwärtigen Filmproduktion stehen diese ier Konzepte des Vergiftens gleichberechtigt nebeneinander, bilden vier verschiedene, formelhaft variierte Vergiftungs-Motive, die verschiedene Rechtsverhältnisse thematisieren: eine in der Logik der Macht begründete macchiavellistische Beziehung zwischen Opfern und Tätern, eine auf strafrechtliche Verhältnisse ausgerichtete Bewertung des Vergiftens durch schuldfähige einzelne, eine dritte, die ihre Legitimation aus politischen Erwägungen (allerdings sehr verschiedener Couleur) bezieht, und eine vierte, die die Gefahren der industriellen Produktion als dieser inhärentes Risiko ansieht.


Literatur: Klippel, Heike (2013) Tödliche Mischung. Zum Giftmotiv im Spielfilm. In: Ellmeier, Andrea / Ingrisch, Doris / Walkensteiner- Preschl, Claudia (Hrsg.): Ratio und Intuition. Wissenskulturen in Musik, Theater, Film. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2013, S. 93-115. – Klippel, Heike / Mittag, Martina / Wahrig, Bettina: Applying the Abject. Working with Kristeva’s Concept of the Abject toward a Cultural History of Poisoning. In: Cincinnati Romance Review 35, 2012, S. 18-38. – Weiler, Inge: Giftmordwissen und Giftmörderinnen. Eine diskursgeschichtliche Studie. Berlin: de Gruyter 1998. 


Artikel zuletzt geändert am 30.01.2017


Verfasser: HJW


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