Lexikon der Filmbegriffe

Hauntologie

urspr. frz.: hauntologie; Koffertwort von engl.: to haunt = heimsuchen + Ontologie; dt. etwa: Heimsuchungslehre


Als der US-Historiker Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das „Ende der Geschichte“ postuliert hatte – nun gehöre dem siegreichen Kapitalismus die Zukunft –, setzte der französische Philosoph Jacques Derrida in seinem Buch Spectres de Marx (1993) das Modell der Hauntologie dagegen: als Vorstellung der unbefragten Präsenz von Ideen, Theorien und Modellen aus der Vergangenheit (im 1993er Zusammenhang die Modelle der Marx‘schen Geschichts- und Gesellschaftlehre, die als Kritik am Kapitalismus auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weiter virulent blieben).


Zum Modell ästhetischer Praxis wurde Hauntologie anfangs der 2000er in der britischen Popmusik erhoben. Als Antwort auf die Replikativität und Limitiertheit der elektronischen Musik der Zeit wandten sich Bands wie Burial oder Belbury Poly (etwas später in Italien die Band Jacula) den ästhetischen und klanglichen Standards und Quellen der Vergangenheit zu, griffen auf das Sample‑ und Soundarchiv des BBC Radio Workshop zu und verfremdeten Scores von Fernsehdokumentationen (vor allem über Katastrophen und Zukunftsvisionen wie das Leben nach dem Atomkrieg). Jüngere Musiker griffen auf die Klangwelten ihrer eigenen Kindheit und Jugend aus den 1980ern und 1990ern zurück (etwa Videoclips und -spiele oder Werbeclips). Sampling, Arbeit mit analogen Synthesizern und anderen eigentlich nicht mehr gebräuchlichen Techniken der Tonbearbeitung waren Mittel der Rekonstruktion und Anspielung bestimmter oder auch unbestimmter musikalischer Vergangenheiten.


Das Konzept wurde auch in der Filmtheorie und in der Theorie der Filmmusik bzw. des Sounddesigns durchgespielt und dort als eine Ebene vorbewussten Wissens über filmhistorische Klangwelten (meist mit der Quaklifizierung „unheimlich“ [uncanny]) angesehen.


Literatur: Clanton, Carrie: Hauntology Beyond the Cinema. The Technological Uncanny. In: Manycinemas, 3, 2012, S. 66-76, URL: http://www.manycinemas.org/Carrie_Clanton.html. - Fisher, Mark: What Is Hauntology? In: Film Quarterly 66,1, Fall 2012, S. 16-24. – Donaldson‑McHugh, S.h.a.n.n.o.n. / Moore, Don: Film Adaptation, Co‑Authorship, and Hauntology: Gus Van Sant's Psycho (1998). In: The Journal of Popular Culture 39,2, 2006, S. 225‑233.225‑233. – D‘Cruz, Carolyn / D‘Cruz, Glenn: ,Even the Ghost was more than one person‘: Hauntology and Authenticity in Todd Haynes‘ I‘m Not There. In: Film‑Philosophy 17,1, 2013, S. 315‑330.

Referenzen:

Mashup

Retro-Look

Retrophilie


Artikel zuletzt geändert am 30.01.2017


Verfasser: JH


Zurück