Lexikon der Filmbegriffe

Katastrophenfilm

engl.: disaster movies

Filme, die große Zerstörungen visualisieren und thematisieren, hat es seit Beginn der Filmgeschichte gegeben. Das Spektakuläre und Sensationelle war immer fester Bestandteil der Filmtradition, von Gunning zu Recht Kino der Attraktionen genannt. Der oft lustvoll ausgeführten Zerstörung in der Diegese korrespondiert der gefahrlosen Teilhabe auf der Rezipientenseite, die wie die reale Schaulust bei Bränden, Unfällen oder Überschwemmungen auch im Kino großen Zuspruch findet.
Filmhistorisch wurzelt der Katastrophenfilm in den frühen Sensationsfilmen, wurde aber erstmals in San Fransisco (USA 1936) in der uns auch heute noch geläufigen Ästhetik des Spielfilms realisiert. Eine erste Hochphase hatte der Katastrophenfilm in den 1950er Jahren, wo die Konkurrenz zum Fernsehen spektakulärere Filmsujets beförderte. Auch passte er gut zu anderen Bedrohungsszenarien, die im Horror- und Science-Fiction-Film dieser Zeit boomten. In den 1970er Jahren wurde dieses Thema wiederum zahlreich behandelt, die Genrebezeichnung Katastrophenfilm geprägt und häufig in Spielfilmen mit vielen Stars (Allstarfilm) konkretisiert. Erneut 20 Jahre später kam es zur bislang letzten Konjunktur, die Katastrophenfilme der 1990er Jahre zeichnen sich durch enorme Fortschritte in der vor allem auch computergestützten Tricktechnik aus.
Die Ursache der Katastrophe ist die unberechenbare Natur (Kometen, Vulkane, Erdbeben), die individuelle Schuld (schlampige Arbeit bei Großprojekten, Raffgier, Terror) oder menschlicher Größenwahn. Die Katastrophe verhilft dazu, den „wahren Menschen“ zu zeigen: den Helden, den Egoisten, den Versager, den Opferbereiten. Die Starken retten nun die Schwachen, bei aller Not und gegen alle Wahrscheinlichkeit siegt auch hier das Gute, das allerdings im Kontrast zur zuvor entfesselten Destruktivität unverhältnismäßig erscheint. Je nach Tendenz erscheint die Katastrophe als Warnung zur Umkehr oder als Strafgericht, immer aber als Spektakel der Sinne und als Moratorium der Normalität.

Literatur: Gunning, Tom: Das Kino der Attraktionen. In: Meteor 4, 1996, S. 25-34. – Keane, Stephen: Disaster movies. The cinema of catastrophe. London: Wallflower 2001. – Robnik, Drehli / Palm, Michel: Schutt und Asche. 100 Jahre Katastrophenfilm. In: Meteor 9, 1997, S. 58-67.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: KJ


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