Lexikon der Filmbegriffe

Metapsychologie des Films

von Freud als Wortamalgam aus „Metaphysik“ und „Psychologie“ gebildet


Das Konzept der Metapsychologie wurde von Sigmund Freud als Bezeichnung für diejenigen Elemente der psychoanalytischen Theorie vorgeschlagen, die nicht unmittelbar mit praktischen Erfahrungen oder der deskriptiven Mächtigkeit klinischer Beobachtung zusammengehen. Dazu gehören Theorien der Denkprozesse, sozialer Beziehungen, von Lernstilen u.a.m., die das Programm der Psychologie an das allgemeinere Ziel von Therapeuten (und Religionen) rückbindet, Bedingungen geistiger Gesundheit, Klarheit, Glück o.ä. zu klären.


(1) In der (psychoanalytisch beeinflussten) Filmtheorie basiert Christian Metzs Konzept einer Metapsychologie auf einer Gegenüberstellung von Traum und Film bzw. auf der komplexen Mischung aus Verwandtschaft und Abweichung zwischen Traum- und Filmzustand. Der Abstand zwischen Wachzustand und Schlaf  wird verursacht durch die Verschiedenheit des Wissens des Subjekts und der Zugänglichkeit des Situationsbewusstseins hinsichtlich dessen, was es gerade tut, hinsichtlich der An‑ und Abwesenheit eines realen Wahrnehmungsstoffes und natürlich der Unterschiede zwischen Filmtext und Traumtext. Trotz struktureller Verwandtschaft kann die Filmrezeption (resp. der Filmtext) nicht dem Primärvorgangs des Träumens (resp. dem Primärgegenstand des Traumtextes) als Äquivalent zugeordnet werden, sondern steht dem Sekundärvorgang und den vorbewussten Produktionen des Tagtraums nahe.


Literatur: Metz, Christian: Le film de fiction et son spectateur. (Etude métapsychologique.) In: Communications (Paris) 23, 1975, S. 108-135. Dt.: Der fiktionale Film und sein Zuschauer. Eine metapsychologische Untersuchung. In: Psyche 48,11, 1994, S. 1004‑1046.


(2) Das zweite metapsychologische Modell des Films wurde 1970 von Jean-Louis Baudry vorgeschlagen, der die Rezeption von Filmen als Teil einer „cinematischen Situation“ ansah, die den Betrachter tiefergreifender beeinflusst, als es der einzelne Film jemals könnte. Er stützte sich auf den Begriff des „Apparates“ (nach Althusser) sowie das Modell des Spiegelstadiums (nach Lacan), derzufolge das Spiegelbild als idealisiertes Ego des Subjekts erscheint – die dem Kind (in Lacans Theorie) resp. dem Filmzuschauer (nach Baudry) seine ego-logische Subjektivität von einem Ort außerhalb seiner selbst herleitet. Die Filmleinwand wird zum „Spiegel“ des Ich und Ausgangspunkt imaginär-narzisstischer Identifikationen, einer „Phantasmatisierung des Subjektes“. Die ideologischen Implikationen der im Kino nur imaginär hergestellten Vorstellung eines autonomen und transzendentalen Subjektes erweist sich schnell als Fiktion, der kinematographische Apparatus als ideologische Agentur, die reale gesellschaftliche Zwänge verleugnet und illusionär überlagert. Die Offenlegung der Apparatus-Qualitäten des Kinos sei darum ein aufklärerischer, ja revolutionärer Akt.


Literatur: Baudry, Jean‑Louis: Le dispositif. Approches métapsychologiques à l‘impression de réalité. In: Communications 23,1, 1975, S. 56‑72. Dt.: Das Dispositiv: Metapsychologische Betrachtungen des Realitätseindrucks. In: Psyche 48,11, 1994, S. 1047-1074. Frz. 1970.] 


Artikel zuletzt geändert am 13.06.2017


Verfasser: HJW


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