Lexikon der Filmbegriffe

Unschärfe

engl.: blurring, breezing, fringing; als künstlerischer Effekt: soft focus; manchmal: fuzzy

(1) Unschärfen treten bei der Aufnahme von Filmen durch das sogenannte „Atmen“ des Films in der Kamera auf – eine Krümmung des Films vor dem Bildfenster –, Verschiebungen im Linsensystem der Optiken – z.B. durch das Einwirken von Stoßenergien – oder durch die Wahl einer falschen Entfernungseinstellung. Bei der Projektion kommt es zu Veränderungen des Andrucks, mit dem der Film vor dem Bildfenster gehalten wird. Gelegentlich kommt es auch zum Atmen der Kopie, wenn sie nicht richtig durchgetrocknet ist. Darum muss die Schärfeneinstellung in der Projektion (manuell oder automatisch) ständig nachkontrolliert werden.
(2) Normalerweise gilt für den Film ein Schärfegebot: Die Bereiche des Handlungsfeldes, die zentral sind, werden scharf gestellt. Unscharfe Bereiche sind irrelevant, für die Geschichte oder die Szene nicht wichtig. Natürlich kann Unschärfe subjektive Wahrnehmungstrübungen wiedergeben. Und natürlich kann die Schärfenverlagerung als Mittel der inneren Montage verwendet werden, so dass die Verlagerung der Schärfe jeweils einen der Bildsektoren oder eine der Tiefenschichten in den Bereich der Unschärfe und damit der Irrelevanz versetzt.
(3) Auch die Unschärfe ist eine Form der Abstraktion. Der fotografische Pikturalismus betrieb die systematische Zurücknahme der Fähigkeit, scharfe Aufnahmen herzustellen, um sich von der bloßen Naturnachahmung abzusetzen und die grafischen Elemente des Fotos umso deutlicher herauszustellen. Zugleich ist die Unschärfe auch ein Mittel der Verklärung. Sie verwandelt die Abbildung konkreter Gegenstände und Personen in Projektionsflächen des Betrachters. Dieser Effekt reicht von der entkörperlichenden Überhöhung symbolistischer Frauenfiguren bis zur Weichzeichner-Erotik eines David Hamilton, kann aber auch zur affektiven Aufladung von Bildern dienen, die in der Erinnerung lokalisiert sind, die Schönheit des Vergangenen rühmen und beklagen Gerade durch die Abweichung von der Forderung, dass das Bild scharf sein sollte, gewinnt die Unschärfe ihre Bedeutungsmöglichkeiten. 

Literatur: Ulrich, Wolfgang: Die Geschichte der Unschärfe. Berlin: Wagenbach 2002.
 

Referenzen:

Bewegungsunschärfe

Bokeh

breathing

Fettblende

Sartov shot

Schärfentiefe

Schärfeverlagerung

Schlieren

sfumato

Weichzeichner


Artikel zuletzt geändert am 19.10.2012


Verfasser: HJW


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