Lexikon der Filmbegriffe

kontemplatives Kino

engl.: contemplative cinema; auch: „Filme der Stille“ (,silent films‘); von lat.: contemplatio = Richten des Blickes nach etwas, Anschauung, Betrachtung; vor allem als Bezeichnung des gedanklichen Vertiefens ungegenständlicher Objekte; meist als Gegenentwurf zu kognitiv-argumentativen Formen des Nachdenkens


Die meisten Dramaturgien dienen dazu, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu binden und zu lenken; die rezeptiven Affekte, auf die sie ausgerichtet sind, sind vom Text aus vorstrukturiert (sei es, dass es sich um Spannungs- oder Gruselerleben handelt, sei es, dass es sich um sentimentalische Anrührungen handelt, sei es um das Spiel mit Überraschungen und unabsehbaren Wechseln). Manche Filme verzichten aber bewusst auf die Kontrolle des Zuschauer-Erlebens und auf die genaue Planung der Informationsvergabe – sie verlagern die Aneignungsoperationen in eine Art des Sich-Vertiefens in ein ästhetisches Objekt, ohne dabei den Anspruch zu erheben, die Zuschauer durch eine (narrativ und dramatisch) vorgeplante Sequenz von rezeptionalen Zuständen oder Bewegungen zu führen. Filme, die in dieser Weise dominante und kontrollierende Strukturen zurücknehmen, werden oft als kontemplative Filme bezeichnet, was darauf hindeutet, dass das Zentrum der Rezeption Kontemplation sei. Es ist die semantische Unterbestimmtheit der Bilder und Töne, die sich nicht in einen sich aufdrängenden Sinn umsetzen lässt (dem wieder affektive Status zugeordnet sind), sondern die dem Zuschauer die Suche nach der Kohäsion, dem Zusammenhang und am Ende der Bedeutungen dessen, was er wahrnimmt, nahelegen. Er tritt dann in eine „schweifende Bewegung“ ein, die ihm das Material erschließt und entschlüsselt, ohne dass eine finale Bedeutung feststünde. Das Erlebnis der Kontemplation selbst ist der eigentliche Sinn der Besichtigung. Es sind vor allem Filme des „langsamen Kinos“ (von Tarr, Tarkowski oder Angelopoulos) sowie des „minimal cinema“, die in diesem Zusammenhang genannt werden, doch werden auch Filme wie der Dokumentarfilm Die große Stille (BRD 2005, Philip Gröning) über das Leben in einem Karthäuserkloster, der auf jede Musik, Dialog oder Kommentar verzichtet, dem kontemplativen Kino zugeordnet. Weil das Kontemplative als ästhetische Aneignungsform oft im Zusammenhang mit der Musik beschrieben wurde, ist die Nähe mancher Formen des „psychedelischen Kinos“ naheliegend (auch wenn klar sein sollte, dass es nicht um Kinematographien der Trance-Induktion geht, sondern um eine ganz andere spirituelle Beziehung des Zuschauers zum Film). (HJW)


Literatur: Bakker, Freek L: Blessed are the Eyes that Catch Divine Whispering... Silence and Religion in Film. Marburg: Schüren  2015 (Film und Theologie. 28.). – Boczkowska, Kornelia: Speeding Slowness: Neo‑Modern Contemplative and Sublime Cinema Aesthetics in Godfrey Reggio’s Qatsi Trilogy. In: Art Inquiry. Recherches sur les Arts 18, 2016, S. 219‑253. – Couté, Pascal (sous la dir. de) Action et contemplation. Caen: Presses Universitaires de Caen 2010 (Double jeu. 6.). – Purse, Lisa: Affective trajectories: locating diegetic velocity in the cinema experience. In: Cinema Journal 55,2, 2016, S. 151‑157. – Warner, Rick: Filming a miracle: Ordet, Silent Light, and the spirit of contemplative cinema. In: Critical Quarterly 57,2, 2015, S. 46‑71.

Referenzen:

Slow cinema


Artikel zuletzt geändert am 27.08.2017


Verfasser: HJW


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