Lexikon der Filmbegriffe

Besserungsstück

Wohl in den spätmittelalterlichen Moralitäten und dem jesuitischen Schuldrama entwickelte sich das Besserungsstück, in dessen Mittelpunkt ein Mensch steht, der sich aus Dummheit, Unzufriedenheit oder Vermessenheit nicht der gesellschaftlichen oder göttlichen Ordnung fügt, im Verlauf des Stückes aber zu einem Guten gewandelt wird. Auch in den modernen Anverwandlungen haben Besserungsstücke immer ein glückliches Ende – die Hauptfigur wandelt sich, gewinnt die bürgerlichen Tugenden wieder. Auch im Film ist die im Volkstheater des 19. Jahrhunderts entstandene Formel des „vom Bösen oder Vermessenen zum Guten“ immer wieder dramatisiert worden. Besserungsstücke gehören einem naiv-moralischen Kino zu, spekulieren mit einem Zuschauer, der fest auf den Seiten der Bekehrung verankert ist. Schon der Monumentalfilm Sodom und Gomorrha: Die Legende von Sünde und Strafe (Österreich 1922, Michael Curtiz) erzählt von einer neureichen jungen Frau, die nach einem Mord auf einer Neureichen-Feier unschuldig zum Tode verurteil worden war, die im Traum die biblische Geschichte von Sodom und Gomorrha träumt und sich daraufhin (in einem Zeitsprung) rechtzeitig von der Feier entfernt und zu gottgefälligem Leben zurückkehrt. Auch – in allerdings ironischer Brechung – Bertold Brechts mehrfach verfilmtes Theaterstück Die Dreigroschenoper (1928; erstmals verfilmt 1931 von Georg Wilhelm Pabst) handelt von der wundersamen Wandlung des Gangsters Mackie Messer. Von Läuterung widerlicher und menschenverachtender Figuren handelten Filme durch die ganze Filmgeschichte hindurch. Erinnert sein an Un angelo è sceso a Brooklyn (Italien/Spanien 1957, Ladislao Vajda), in dem der brutale Vermieter erst durch die Verwandlung in einen Hund und die Misshandlungen, die er erfahren muss, vor allem aber durch die Liebe eines kleinen Jungen zu einem selbstlosen und liebesfähigen Menschen gewandelt wird, oder durch den weit bekannten Film Little Lord Fauntleroy (Großbritannien 1980, Jack Gold) nach einem Roman von Frances Hodgson Burnett (1886), in dem ein mürrischer, einsamer, von Konventionen und Dünkel geprägter Lord durch die Liebe seines einst verstoßenen nicht-standesgemäßen Enkels zu einem verantwortungsvollen und freundlichen Verwalter seiner Besitztümer wird.


Artikel zuletzt geändert am 25.10.2017


Verfasser: HJW


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