Lexikon der Filmbegriffe

Ingression

von lat.: ingressio = das Hineingehen


In der Atmosphären-Theorie Gernot Böhmes ist die ganzheitlich-sinnliche  Erfassung  der  Atmosphäre eines Raumes eine „ingressive  Totale“, d.i. eine ganzheitliche Erfassung des Wahrnehmungsraumes, die sich durch das sich-einlassende Hineingehen resp. Einlassens erschließt, mit dem sich die Atmosphäre gleichzeitig als etwas erweist, das dem erfahrenden Subjekt gegenübersteht wie es erfasst und umhüllt. Innere Stimmung und  Umgebungsatmosphäre können in scharfen Kontrast zueinander treten (Böhme spricht dann von „Diskrepanz-Erfahrung“).


Atmosphären-Inszenierung im Film kann semantische Effekte gerade aus der Differenz von ingressiven und diskrepativen Indikatoren des Atmosphärischen gewinnen – wenn etwa in Trauer- oder Beerdigungsszenarien die Heiterkeit der Umgebung und der dramatische Grund der Erzählung in Widerspruch geraten oder wenn Feste durch Streit-Szenarien atmosphärisch konterkariert werden. Filme wie Louis Malles  Milou en mai (Frankreich 45-72./Italien 1990) oder Patrice Chéreaus Ceux qui m’aiment prendront le train (Frankreich 1998) gewinnen ihr dramatisches Potential eher aus der andauernden Modulation der atmosphärischen Werte, die die diegetische Welt anbietet, als aus der narrativen Verwicklung.


Literatur: Böhme, Gernot: Aisthetik. Vorlesungen über Ästhetik als allgemeine Wahrnehmungslehre. München: Fink 2001, S. 45-72. 


Artikel zuletzt geändert am 25.10.2017


Verfasser: KB


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