Lexikon der Filmbegriffe

marital drama

auch: maternal melodrama, marital melodrama; dt. etwa: „Mütterdrama“


Das marital drama ist eine dem Rührstück ähnliche Untergattung des (oft tränentreibenden) Melodramas, in dessen Zentrum Mutterfiguren stehen, die durch ebenso aufopferungsvolle wie selbstlose Mutterliebe versuchen, Härte des Zustoßenden oder Ungerechtigkeiten des Widerfahrenden zu meistern. Einige stereotype Geschichten sind immer wieder variiert worden: Die Figuren werden auf grausame Art von ihren Kindern verleugnet; oder sie werden von den Kindern getrennt (sei es aus sozialem Zwang, sich von den Kindern zu trennen, sei es aus finanzieller Notlage, sei es wegen moralischen Fehlverhaltens). Weil die Figuren bereit sind, sich für die Kindern zu opfern, sich selbst zu Opfern machen, enden die Filme fast immer in emotional aufwühlenden Finalszenen. Die meisten Mütterdramen stammen aus der Hochphase des Hollywoodfilms und wurden in der feministischen Filmanalyse als eine Art Laboratorium der filmischen Ausarbeitung des weiblichen Subjekts untersucht. Der bis heute bekannteste Film der Gruppe ist Imitation of Life (1959, Douglas Sirk; Remake des gleichnamigen Films von 1934, John Stahl) – eine Doppelgeschichte über eine weiße und eine schwarze Mutter, deren Töchter sich ihnen entfremden: die eine, weil die Mutter sie wegen ihrer Schauspielerkarriere vernachlässigt, die andere, weil sie sich ihrer farbigen Mutter schämt und als Weiße gelten möchte. Auch Stella Dallas (1937, King Vidor; erstverfilmt 1925, Henry King) über eine Mutter, die sich für die Karriere der Tochter opfert, ist bekannt geblieben. The Old Maid (1939, Edmund Goulding) erzählt von einer jungen Frau, die das Kind des im Krieg gefallenen Geliebten in einem Waisenhaus als fremdes Kind unter anderen aufzieht. Neben den Filmen der 1930er und 1940er finden sich aber bis heute immer neue Varianten des Mütterdramas.


Literatur: Jacobs, Lea: Unsophisticated Lady: The Vicissitudes of the Maternal Melodrama in Hollywood. In: Modernism/modernity 16,1, 2009, S. 123‑140. - Viviani, Christian: Who Is without Sin? The Maternal Melodrama in American Film, 1930‑39. In: Wide Angle 4,2, 1980, S. 4‑17. – Williams, Linda: „Something Else besides a Mother“. Stella Dallas and the Maternal Melodrama. In: Cinema Journal 24,1, Autumn 1984, S. 2‑27. Vgl. dazu ein „Reply“ von  Ann Kaplan (24,2, Winter 1985, S. 40‑43). – De Hart, Betty: Not without My Daughter: On Parental Abduction, Orientalism and Maternal Melodrama. In: European Journal of Women's Studies 8,1, 2001, S. 51‑65. – McCormick, Adrienne: Supermothers on film: Or maternal melodrama in the twenty‑first century. In: Twenty First Century Motherhood: Experience, Identity, Policy and Agency. Ed. by Andrea O‘Reilly. New York : Columbia University Press 2010, S. 140‑157.


Artikel zuletzt geändert am 25.10.2017


Verfasser: CA


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