Lexikon der Filmbegriffe

Wanderfilm

eigentlich: „Wandern im Film“


(1) Gelegenheitsbezeichnung der Filmkritik für Filme, in denen die Haupthandlung auf einer Wanderung der Protagonisten aufruht. Es sind Filme wie A Walk in the Woods (USA 2015, Ken Kwapis) über zwei alte Freunde, die sich auf eine 3.500km lange Wanderung machen, Wild (USA 2014, Jean‑Marc Vallée), in dem eine junge Frau mit einer über 1.000km-Wanderung, um eine tiefe persönliche Krise zu überwinden, oder Tracks (Australien 2013, John Curran) über eine junge Frau, die mit zwei Hunden und vier Lastenkamelen eine Strecke von 1.700 Meilen durch Australien begeht, die die Bezeichnung nahelegten. Das Motiv ist als Topos der Zivilisationsflucht natürlich älter (wie in Into the Wild, USA 2007, Sean Penn, der zu Fuss nach Alaska aufbricht um dort in der Natur zu leben). Wanderfilme sind oft Ausbrüche aus Krisen der Figuren, die in selbstgesuchter Einsamkeit beginnen und in eine neue Zuwendung zur Welt der anderen einmünden (wie in Nothing Personal, Irland/Niederlande 2009, Urszula Antoniak).


(2) Ein eigener Themenkreis ist die Pilgerreise, die aber ebenso als zeitweiliger Austritt aus der Alltagswelt gefasst ist. Besondere Prominenz genießt der Jakobsweg mit dem Ziel Santiago de Compostela in Nordspanien. Beispiele sind SaintJacques... La Mecque (Frankreich 2005, Coline Serreau), in dem drei Geschwister den Jakobsweg abwandern müssen, um an das gemeinsame Erbe zu kommen, Ich bin dann mal weg (BRD 2015, Julia von Heinz) erzählt von einem Bühnenkomiker, der einer fast-tödlichen Kollaps erlebt hat und sich ebenfalls auf den Jakobsweg macht, und The Way (USA 2010, Emilio Estevez), in dem ein Vater auf der Pilgerwanderung die Trauer um seinen toten Sohn verarbeitet. Die Alleinwanderung in diesen Filmen dient fast immer einer spirituellen Selbstreinigung, ist den Fastenzeiten der Säulenheiligen durchaus verwandt; Last Days in the Desert (USA 2015, Rodrigo García) etwa erzählt von einer vierzigtägigen Begegnung des Helden mit einem (unsichtbaren) Dämon.


(3) Andere Themenkreise des Wanderns im Film ist die touristische Wanderung (wie schon in komödiantischer Darstellung in Der letzte Fußgänger, BRD 1960, Wilhelm Thiele), manchmal in der Ausführung als Krimi, wenn einer der Wanderer der geführten Gruppe ein gesuchter Mörder ist (ein Beispiel ist Shoot to Kill, USA 1988, Roger Spottiswoode). Das Wandern als Form der Selbsterfahrung steht in allen diesen Varianten im narrativen Hintergrund. Das gilt auch für erzwungene Wanderungen, die oft als Fluchten motiviert sind (wie in Gefangenenlagerfilmen wie der TV-Miniserie So weit die Füße tragen, BRD 1959, Fritz Umgelter, der eine Flucht von Sibirien bis Deutschland erzählt). 


Artikel zuletzt geändert am 25.10.2017


Verfasser: AS


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