Lexikon der Filmbegriffe

Thilenius-Effekt

In den 1910ern gelegentlich verwendete Bezeichnung für dramaturgische Strategien, allzu hohe dramatische Spannung zu entzerren (durch Dehnung oder die Insertion von Nebenhandlungen). Die Metapher stammt aus der Medizin des späten 18. Jahrhunderts: Thilenius war ein Arzt des späten 18. Jahrhunderts, der die Vergabe von hochgiftigem Lorbeerkirschwasser in Brühe zur Auflösung verdickter Blutkuchen in Prellungen sowie Übererregbarkeiten des Gefäßsystems erprobt und angewendet hatte. Auch in seiner Therapie bedarf es genauer Abwägung, dass sich die Giftigkeit des Mittels nicht gegen den Patienten richtet. Gleiches gilt auch in der Dramaturgie: Wird eine dramatische Handlung etwa durch eine komische Nebenfigur just in dem Moment unterbrochen, in dem die Gefahr für den Helden am größten zu sein scheint, werden aufkommende Angstzustände gemildert (all zu intensive Angst-, Horror- oder Schreckempfindungen gilt es zu vermeiden, um den Zuschauer nicht zu überfordern); allerdings kann die Ernsthaftigkeit der gesamten Handlung in sich zusammenbrechen. Die Vorstellung, dass eine dramatische Struktur mit Blick auf die emotionalen Empfindungen von Zuschauern als ein ähnlicher Organismus wie der menschliche Körper anzusehen sei, verlor aber noch in den 1910ern ihre Anschaulichkeit, die Metapher verschwand wieder.


Literatur: Thilenius, Moritz Gerhard: Medicinische und chirurgische Bemerkungen. Frankfurt: Brönner 1789. 


Artikel zuletzt geändert am 24.04.2018


Verfasser: JvH


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