Lexikon der Filmbegriffe

Sittenbild

auch: Sittengemälde; engl. eingeschränkt: comedy of manners ; frz. ähnlich: comédie de moeurs ; auch im Dt. oft mit der Boulevardkomödie in Verbindung gebracht; im Engl. selten auch: novel of manners ; die Bezeichnung „Sittenroman“ wurde im 19. Jahrhundert als Marketingbezeichnung von Büchern verwendet


Eher der Umgangssprache und dem Feuilleton zugehörige Bezeichnung der Schilderung der Sitten einer Zeit, eines Landes oder einer Gesellschaftsschicht bzw. deren Kritik. Ein mehrfach genanntes Beispiel der Filmgeschichte ist Federico Fellinis La dolce vita (Italien 1960) über das Leben reicher Jugendlicher im Rom der Gegenwart. Ähnlich werden auch Ulrich Schamonis Alle Jahre wieder (BRD 1967), der im kleinbürgerlichen Milieu Münsters spielt, oder Bernhard Wickis Das Wunder des Malachias (BRD 1960) über die Kommerzialisierung eines Wunders in einer Industriestadt im Ruhrgebiet als „Sittenbilder der Zeit“ angesehen.


Die Bezeichnung deutet implizit darauf hin, dass die Figuren typifiziert werden und als prototypische Vertreter einer Klasse, einer Haltung oder einer Tugend auftreten, dass aber auch die Erzählung selbst einen Standort außerhalb der dargestellten Soziosphäre einnimmt. Es mag die Mischung aus Distanz und (Kultur-)Kritik sein, die neuere Historien-Epen wie Novecento (Italien 1976, Bernardo Bertolucci) über die italienische Alltagskultur anfangs des 20. Jahrhunderts, Elem Klimows Agonyia (UdSSR 1981) über das höfische Leben am Zarenhof, Stanley Kubricks Barry Lyndon (Großbritannien/USA 1975) über die höfische Kultur der Mitte des 18. Jahrhunderts als „Sittenbilder“ lesbar machen. Unmittelbare Verbindung zum Sittenroman nimmt Martin Scorseses The Age of Innocence (USA 1993) auf, ein Film nach dem Roman gleichen Titels von Edith Wharton (1920), der im New Yorker Reichen-Milieu der 1870er spielt. Ein eigenes Kapitel verdienten die Filme über den Sittenzerfall der römischen Gesellschaft zu Zeiten Neros (nur ein Beispiel ist Nerone e Messalina , Italien 1953, Primo Zeglio). Auch zahlreiche TV-Produktionen werden manchmal als „Sittengemälde“ bezeichnet (darunter auch im Jetzt spielende Serien wie Sex and the City , USA 1998-2004). 

Referenzen:

Pilcherisierung


Artikel zuletzt geändert am 25.04.2018


Verfasser: KB


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