Lexikon der Filmbegriffe

holocaust comedy

dt. selten: Holcaust-Komödie, (enger gefasst:) KZ-Komödie


Komödien über den Holocaust brechen ein Tabu, weil sie das Thema des Genozids und die Formen der Komödie zusammenbringen, die meist als miteinander unvereinbar gedacht werden. Allerdings lassen sie sich auch lesen als Versuche, die seit Adornos Überlegungen zur Ästhetik und Rhetorik der Undarstellbarkeit von ‚Auschwitz‘ (der Sigle für den Vökermord) zu unterlaufen und den Zusammenhang von Ästhetik und Ethik über das Verdikt hinaus neu auszuloten. Das Thema wurde seit den 1980ern mehrfach bearbeitet (und schon in den 1970ern in einigen an die Groteske grenzenden KZ-Komödien). Als einer der wichtigsten Beiträge gilt heute Train de vie(Zug des Lebens, 1998, Radu Mihaileanu) über die Bewohner eines kleinen jüdischen Shtetls, die angesichts der drohenden Verschleppung durch die Deutschen ihren eigenen Deportationszug organisieren, um über Russland bis nach Palästina zu entfliehen. Schon Juraj Herz‘ bittere Farce Spalovač mrtvol(Der Leichenverbrenner, 1969), in dem ein Krematoriumsvorarbeiter zum Reiniger der Welt wird. Literarische Versuche zum Thema sind älter; am bekanntesten ist Jurek Beckers Jakob der Lügner(1969), der zweimal verfilmt wurde (DDR 1974, Frank Beyer; USA 1999, Peter Kassovitz). Manche Filme sind nach dem Ende der Naziherrschaft angesetzt, gewinnen den komischen Impuls z.B. aus den Widersprüchen der Beziehungen zwischen einem (deutschen) Holocaustforscher und einer (jüdischen) Assistentin (in Die Blumen von gestern, 2016, Chris Kraus) oder aus dem immer fundamentaler werdenden Nachdenken über die Bedeutung des Erinnerns (in Everything Is IlluminatedAlles ist erleuchtet - Nichts ist normal, 2005, Liev Schreiber). 


Literatur: Frölich, Margrit / Hanno Loewy / Heinz Steinert (Hrsg.): Lachen über Hitler - Auschwitz-Gelächter? Filmkomödie, Satire und Holocaust. München: Ed. Text und Kritik 2003. –Linville, Susan E.: Agnieszke Holland’s Europa, Europa: Desconstructive Humor in a Holocaust Film. In: Film Criticism19,3, 1995, S. 44-53. – Nuy, Sandra: Lachen über den Holocaust? Komik und ihre Funktionen in der Erinnerungskultur am Beispiel zweier Filme von Dani Levy und Quentin Tarantino. In: Ursula von Keitz, Thomas Weber (Hrsg.): Mediale Transformationen des Holocaust. Berlin: Avinus 2013, S. 299-326. – Shermann, Jodi: Resistance and the Abject: Roberto Benigni’s Life is Beautifuland Charly Chaplin’s The Great Dictator.In: Film and History32,2, 2002, S. 72-81. – Sruk, Marija:Lachen nach Auschwitz? Herausforderungen der Filmkomödie zum Holocaust. Diss. Gießen 2016. 

Referenzen:

KZ-Komödie


Artikel zuletzt geändert am 21.12.2018


Verfasser: AS


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