Lexikon der Filmbegriffe

tabloid concerto

von engl.: tabloid= Boulevardzeitung


Im englischen Kino der 1940er tauchten eine ganze Reihe von Konzerten auf, die eigens für die Filme geschriebene Konzerte (meist natürlich nur in Auszügen) zur Aufführung brachten, die durch die Verbreitung im Kino schnell an Popularität gewannen und auch rein musikalische Aufführungen erlangten, die in der Musikkritik der Zeit und danach aber meist abfällig als tabloid concertibezeichnet wurden. Am bekanntesten ist das „Warsaw Concerto“ von Richard Addinsell, das er für den Film Dangerous Moonlight(1941, Brian Desmond Hurst) geschrieben hatte und dem Gedenken des polnischen Widerstands gegen den deutschen Überfall 1939 gewidmet war. Ein ähnliches frühes Beispiel war schon The Case of the Frightened Lady(1940, George King) mit dem „Song for Isla“ von Jack Beaver. Es folgten Love Story1944, Leslie Arliss) mit einem Klavierkonzert von Hubert Bath, Train of Events(1949, [Sidney Cole...]) mit Leslie Bridgewaters Pianokonzert „Legend of Lancelot“ oder The Woman‘s Angle(1952, Leslie Arliss) mit Kenneth Leslie-Smiths „The Mansell Concerto“. Meist steht ein Musiker (Solist, Dirigent, Komponist) im Mittelpunkt der Handlung; die Konzerte sind fast immer melodramatisch gerahmt. The Glass Mountain(1949, Henry Cass) erzählt die Geschichte eines Komponisten, der während des Weltkriegs über Italien abgeschossen und von einer Italienerin gerettet wurde und der, zurück in England, zu ihren Ehren eine Oper komponiert, obwohl er gleichzeit in England mit einer anderen verlobt ist, zu der er am Ende zurückkehrt; an den Liedern der Oper arbeitete u.a. Nino Rota mit. Ein besonderes Beispiel ist das amerikanische Eifersuchtsdrama Deception(1946, Irving Rapper), der Fragmente eines von Erich Wolfgang Korngold stammenden Cellokonzerts enthielt, das er nach dem Film zum eigenständigen Konzert ausarbeitete.


Musikstücke, von deren Entstehung Filme erzählen und die sie in Auszügen auch zu Gehör bringen, finden sich bis heute (man denke an Kiesłowskis Trois couleurs: bleu[1993] mit der Musik von Zbigniew Preisner). Die Rede vom tabloid concertoist aber heute unüblich geworden. 


Artikel zuletzt geändert am 21.12.2018


Verfasser: HJW


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