Lexikon der Filmbegriffe

Hellseher und Hellsehen

engl.: clairvoyance


Zum magischen Bestand des populären Wissens gehört die Annahme, dass manche Menschen die Fähigkeit des „zweiten Gesichts“ haben, das sie dazu befähigt, Geschehnisse der Zukunft wie der Vergangenheit zu sehen. 


(1) Natürlich treten diese Figuren in vor allem im Fantasy-Genre des öfteren auf (manchmal in Mischung mit Horror-Elementen wie inDead Zone, 1983, David Cronenberg, oder The Gift, 2000, Sam Raimi), doch beruhen auch manche phantastische Thriller auf dieser Gabe (wie etwa Night Has a Thousand Eyes, 1949, John Farrow; der bis heute wohl bekannteste ist Don‘t Look Now, 1973, Nicolas Roeg). In manchen historischen Abenteuerfilmen sind es vor allem Frauen, die über die Gabe verfügen und die als Orakel fungieren, Kommendes vorhersagen; in Märchenfilmen sind es manchmal Hexen. Textfunktionell gehören die Vorhersagen zu den Strategien der Spannungsdramaturgien und dienen als Prolepsen, kündigen für den Zuschauer kommende Hindernisse und Gefahren an, mit denen die Helden konfrontiert werden werden.


Literatur: Blassnig, Martha: Clairvoyance, Cinema, and Consciousness. In: Screen consciousness. Cinema, mind and world. Ed. by Robert Pepperell. Amsterdam [...]: Rodopi 2006, S. 105-122. – Palmer, James, and Michael Riley: Seeing, Believing, and „Knowing“ in Narrative Film: Don't Look NowRevisited. In: Literature/Film Quarterly23,1, 1995, S. 14-25.


(2) Einen eigenen Motivkreis bilden die Betrügerfiguren, die sich als Hellseher inszenieren, ohne es zu sein. Sie veranstalten Séancen und spirististische Sitzungen, arbeiten mit Zaubertricks oder verborgenem Hintergrundwissen, verfolgen dabei oft eigene kriminelle Ziele. Ein frühes Beispiel ist The Mystic(Zigeuner im Frack, USA 1926, Tod Browning). In  Night of the Ghouls(USA 1959, Edward D. Wood Jr.) begegnet ein solcher Möchtegern-Hellseher tatsächlichen Geistern. Eigene Erwähnung verdient eine Komödie wie Family Plot(1976, Alfred Hitchcock), der von einer Betrügeger-Hellseherin erzählt, die am Ende ironischerweise als echte Hellseherin erscheint – eine Täuschung der anderen Figuren, derer sie sich durch ein Augenzwinkern mit dem Zuschauer versichert. 


(3) In neueren Krimis werden gelegentlich Personen mit hellsehereischen Fähigkeiten als Helfer der Polizei aufgesucht (als psychic detectives). 


Literatur: Schetsche, Michael / Schellinger, Uwe: „Psychic detectives“ auch in Deutschland? Hellseher und polizeiliche Ermittlungsarbeit. In: Die Kriminalpolizei25,4, 2007, S. 142-146. 


Artikel zuletzt geändert am 21.12.2018


Verfasser: KB HHM


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