Lexikon der Filmbegriffe

indigene Sprachen im Film

(1) Während die Verwendung indigener Sprachen im dokumentarischen ethnologischen Film  seit geraumer Zeit eine Selbstverständlichkeit ist, und Sprachaufnahmen in der Musikethnologie und der Dokumentation nur mündlich gesprochener Sprachen seit den 1930er Jahren häufig verwendet wurden,  zuerst auf Walzen, dann auf anderen Tonträgern und schließlich im Film, ist die Verwendung authentischer indigener Sprachen im Feature-Film marginal geblieben und war früher allenfalls auf einige Nebenfiguren beschränkt. Der klassische Hollywoodwestern und der orientalistische Kostümfilm begnügten sich mit fiktiven Sprachen, um etwas couleur localezu erzeugen.  Die galt im Übrigen auch für US-Produktionen, die in Europa spielten und europäische Sprachen als exotistisch hinstellten.  Am Rande der bewussten Parodie fand derartiger Spracheinsatz auch  in den zahlreichen deutschen  Karl May-Verfilmungen der 1960er Jahre statt.


Als einer der ersten Hollywoodfilme mit großem Budget, der konsequent eine real indigene  Sprache einsetzt, gilt der 1863 spielende Dances with Wolves(1990, Kevin Costner). Hier dient das Erlernen von Lakota (Lakhota) durch die Hauptfigur auch dazu, ihr langsames going nativeauch sprachlich darzustellen; ähnliche Assimilationen von Weißen in die indianischen Kulturen hatten schon Filme wie A Man Called Horse(1970, Elliot Silverstein) dargestellt. Dead Man(1995, Jim Jarmusch) radikalisiert die Begegnung mit der indigenen Fremde, wenn er sogar auf eine Untertitelung der sprachlichen Äußerungen der Indianer verzichtet, denen der Held begegnet.


(2) Jenseits der Exotisierung wurden indigene Sprachen aber auch als bewusste Abgrenzung vom Mainstreamkino wie etwa in Nelson Pereira dos Santos ... Como Era Gostoso o Meu Francês(Brasilien 1971) eingesetzt, der inspiriert von der Warhaften Historiades deutschen Brasilienreisenden Hans Staden (erschienen Marburg 1557) gerade in der Konfrontation eines jungen Franzosen mit dem Tupi der Ureinwohner Brasiliens den Kulturkontakt auch sprachlich involviert und sich in die Tradition des brasilianischen cinema nôvoeinreiht. 


Die nationalen Filmtraditionen insbesondere afrikanischer Länder haben im Postkolonialismus die Wichtigkeit der Sprachenfrage früh begriffen: Ousmane Sembenes Mandabi (Frankreich/Senegal 1968) gilt als first feature length filmin einer afrikanischen Sprache (hier: Wolof). Ausgangs der 1960er wandten sich afrikanische Schriftsteller wie Ngũgĩ wa Thiong’o, Taban Lo Liyong and Awuor Anyumba (Nairobi, erstveröff. 1972) gegen die kulturelle Dominanz des Englischen und den damit einhergehenden Identitätsverlust großer Teile der postkolonialen Welt. Insbesondere die auch ökonomisch wichtige Filmtradition von Ländern wie Nigeria diskutiert die Sprachenfrage bis heute, zumal die große Sprachdiversität  vieler afrikanischer Länder auch ein Problem für die Reichweite der jeweiligen Filmproduktion darstellt. Die Präsenz in Festivals ist nicht ausreichend, um den Filmen ein größeres Publikum zu sichern. 


Im postkolonialen Kino hat der indigene Film eine feste Rolle und wird auch in europäischen Festivals in Sonderreihen oder Schwerpunkten gewürdigt (etwa die Berlinale-Sonderreihe „Native“). Thematisch sind diese Filme aber auf eine semidokumentarisch eingeforderte soziale Realität der indigenen Gruppen und ihrer Repräsentanten beschränkt. Spezielle identitär geprägte Filmgenres wie etwa der Action-Film haben sprachliche Diversität und indigene Haupthelden erst spät integriert  wie Ryan Cooglers für die Marvel-Studios entstandener Film Black Panther(USA 2018), in dem einige der Figuren Xhosa sprechen.


Literatur: Iseke-Barnes, Judy M.: Politics and power of languages: Indigenous resistance to colonizing experiences of language dominance. In: Journal of Thought39,1, 2004, S. 45-81. - Lustig, Wolf: A Junesche been ermiuramme. Die Umsetzung von Hans Stadens Warhaftige[r] Historia der wilden, nackten grimmigen Menschenfresser-Leuteals 'Re-Tupierung' der europäisch-brasilianischen Begegnung. In: Fendler, Ute (Hrsg.): Entdeckung, Eroberung, Inszenierung. Filmische Versionen der Kolonialgeschichte Lateinamerikas und Afrikas. München: Meidenbauer 2007, S. 77-100. - Sulbaran, Eugenio / Arreaza, Emperatriz: Representacion del indigena en el cine venezolano. In: Objeto Visual: Cuadernos de Investigacion de la Cinemateca Nacional,5, 1998, S. 99-114. - Ngũgĩ wa Thiong’o / Taban Lo Liyong / Awuor Anyumba: On the Abolition of the English Department. In: Homecoming. Essays on African and Caribbean literature, culture and politics. London: Heinemann 1972, S. 145-150. - Adejunmobi, Moradewun: English and the audience of an African popular culture: The case of Nigerian video film. In: Cultural Critique50,1, 2002, S. 74-103.


(3) Ein Sonderfall ist der didaktische Einsatz indigener Sprachen im Film zur language revitalization, etwa im Animationsfilm. So etwa wird in Mexiko versucht, durch Animationsfilme in den dortigen indigenen Sprachen die sprachliche Vielfalt des Landes und vor allem die für den Spracherhalt zentrale  intergenerationelle Weitergabe der Sprachen zu fördern (Projekt Sesenta y Ocho Voces, Sesenta y Ocho Corazones– benannt nach den  68 in Mexiko gesprochenen indigenen Sprachen), finanziert von Fonca, der Kulturbehörde der staatlichen Secretaría de Cultura. Bislang liegen aber erst einige wenige Filme vor, die inhaltlich  Mythen  und Geschichten der jeweiligen Sprecher als Thema behandeln. 


Literatur: Hermes, Mary / Bang, Megan / Marin, Ananda: Designing Indigenous language revitalization.. In: Harvard Educational Review82,3, 2012, S. 381-402. – Patthey-Chavez, G. Genevieve: Language policy and planning in Mexico: Indigenous language policy. In: Annual Review of Applied Linguistics14, 1994, S. 200-219.

Referenzen:

Dialektfilm

Exotismus

Drittes Kino III: Postkolonialismus


Artikel zuletzt geändert am 21.12.2018


Verfasser: FO


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