Lexikon der Filmbegriffe

shock value

dt. etwa: „Potential [von etwas, Publikum] zu schockieren“


Das Potential von Handlungen, ausgewählte Publika zu schockieren, weil Darstellungsverbote missachtet, Tabus verletzt oder mit dargestellten Figuren verbundene Affekte außer Kraft gesetzt werden, wird in der englischsprachigen Literatur oft shock valuegenannt. Es geht immer um negative emotionale Reaktionen auf das Dargestellte (scharfe Ablehnung, tatsächlicher Schock, angstbesetzte Gefühle u.ä.). Abgesehen davon, dass die Fähigkeit zu schockieren nicht für das Publikum insgesamt, sondern nur für ethnisch, religiös, national oder andere Bestimmungselemente abgegrenzte Teilpublika gefasst werden kann, spielen (1) sowohl außerfilmische Voraussetzungen (wie das Darstellungsverbot der Mohammed-Figur) wie (2) textuell-dramaturgische Strukturen eine Rolle (wie z.B. der plötzliche Tod einer sympathiebesetzten Figur im Verlauf einer Geschichte). Die Verwendung von Kriegs- und Armutsbildern in der Werbung des Kleidungskonzerns Benetton hat in den späten 1980ern die Diskussion um den shock valuemedialer Produkte angestoßen. Auch die Diskussionen um den Splatterfilm (und im weiteren Sinne der Verwendung von Splatter-Effekten in Mainstream-Filmen) haben sich mit dem Phänomen befasst einschließlich der Untersuchung der psychischen Prozesse, die eine Bewältigung (coping) der Schock-Reaktion ermöglichen. Heute werden oft die Spielarten des Exploitation-Films als eine Kommerzialisierung der affektiven Voreinstellungen von Publika angesehen – mit dem großen Problem, nicht nur die Relativität der Schock-Bedingungen zu reflektieren, sondern auch ihre historische Veränderlichkeit. 


Literatur: Church, David: Freakery, cult films, and the problem of ambivalence. In: Journal of Film and Video63,1, 2011, S. 3-17. – Gibson, Margaret: Death and mourning in technologically mediated culture. In: Health Sociology Review16,5, 2007, S. 415-424. - Hubbard, Rita C.: Shock advertising: the Benetton case. In: Studies in Popular Culture16,1, 1993, S. 39-51. – Lowenstein, Adam: Living dead. Fearful attractions of film. In: Representations110,1, 2010, S. 105-128. 


Artikel zuletzt geändert am 28.12.2018


Verfasser: AS


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