Lexikon der Filmbegriffe

Hybridisierung

von lat.: hybrida = Mischling; in der Biologie bzw. Pflanzen- und Tierzucht äquivalent zu: Bastard, Mischling; in der Rassenkunde: Halbblut


In der Biologie wird ein Individuum, das aus einer Kreuzung zwischen verschiedenen Gattungen, Arten, Unterarten, Rassen oder Zuchtlinien hervorgegangen ist, als Hybrid bezeichnet. Als Metapher wurde das Konzept in der Filmwissenschaft übertragen auf die Verschmelzung von Bestimmungselementen scheinbar festgefügter Genre-Konventionen und -Schemata, denen eine ähnliche Stabilität zugeordnet wird wie den biologischen Arten, die sich mit denen anderer Genres (zufällig oder – in der Zucht – gezielt) vermischen, so dass generische Doppelvererbungen entstehen. Anders als in der Biologie sind aber Genres formale Wissenskomplexe, die konventionell fundiert sind und sich als Erzählmuster, Inszenierungsstandards, Erwartungsmuster (und gelegentlich als Produktionsroutinen) manifestieren, als solche aber immer nur von bedingter historischer Gültigkeit sind. Nach Auffassung vieler Genretheorien ist die Hybridisierung ein Motor der Genreentwicklung, weil sie der Musterhaftigkeit der Genres neue Formen und Impulse und damit neue Rezeptionsgratifikationen entgegensetzt. In einer wissenssoziologischen Sicht steht die Annahme hinter der These, dass sich generische Muster abnutzen und nach permanenter Erneuerung verlangen, weil Rezeptionen auf einer Aufmerksamkeitsökonomie aufruhen, die Erwartungen des Bekannten ebenso umfassen wie dessen Irritation durch Unerwartetes.


Unklar ist, ob der in der Metapher behauptete biologische Wildwuchs von Genre-Hybriden eine ausreichende Bestimmung der Motive der Hybridisierung umfasst oder ob es andere Einflussgrößen sind, die in die Genreentwicklung eingreifen. Unklar ist auch, ob modale Eingriffe (etwa die „Klamaukisierung“ von Genres oder die Mischung von Repräsentationsmodi) der Hybridisierung zuzuschlagen sind oder ob es sich hierbei um anders begründete Modulationen von Genrekonventionen handelt.


Literatur: Henke, Jennifer [...] (Hrsg.): Hollywood Reloaded. Genrewandel und Medienerfahrung nach der Jahrtausendwende. Marburg: Schüren 2013. – Ritzer, Ivo / Schulze, Peter W. (eds.): Genre Hybridisation. Global Cinematic Flows . Marburg: Schüren 2013, S. 9-38.

Referenzen:

Cross-Genre

Genresynkretismus

Hybridgenre


Artikel zuletzt geändert am 04.04.2019


Verfasser: HJW


Zurück