Lexikon der Filmbegriffe

Stuttgarter Schule

Seit den frühen 1960er Jahren formierte sich in der Dokumentarfilmabteilung des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart eine Gruppe von Dokumentaristen, die bewusst nach neuen Formen der dokumentarischen Arbeit suchte und später als Stuttgarter Schule firmierte. Unter der Leitung von Heinz Huber und später Dieter Ertel waren die prominentesten Autoren Wilhelm Bittorf, Peter Dreesen, Georg Friedel, Peter Nestler, Helmut Greulich, Elmar Hügler und Corinne Pulver. Die längste Reihe der Abteilung war Zeichen der Zeit, für die das Team sich aktueller Stoffe des wirtschaftswunderlichen Alltags der Bundesrepublik annahm. Themen waren Bausünden beim Wiederaufbau, Massentourismus, Der Autokult, Die Misswahl oder der Kongress religiös anmutender Vegetarier. Wenn sich die Regisseure der Stuttgarter Schule dem Alltag zuwandten, dann fanden sie nie das Beschauliche, das Pittoreske, sondern in sich widersprüchliche Alltagsszenen und -dramen: In Schützenfest in Bahnhofsnähe (1961) lallt etwa ein betrunkener Schützenvereinsvorsitzender dem Filmteam von Vaterland, Disziplin und heiliger Traditionspflege ins Mikrofon, als spräche er von der Waffen-SS. In Eine Einberufung (1970) wird aus der militärischen Ausbildung von Bundeswehrrekruten plötzlich ein staatsbürgerliches Drama, als sich ein junger Soldat weigert, einen Schießbefehl auszuführen. Einer der wichtigsten und politisch folgenreichsten Filme der Stuttgarter Schule war sicherlich Der Polizeistaatsbesuch (1967) von Roman Brodmann, der den Besuch des persischen Schahs und die Studentenproteste dokumentiert, die mit der Erschießung Benno Ohnesorgs zu einem wirklichen Politikum wurden. Die Stuttgarter Schule war vom Stil des Direct Cinema stark beeinflusst. Insbesondere Elmar Hügler versuchte in der Reihe Notizen vom Nachbarn (ab 1969), ganz auf Kommentierung aus dem Off zu verzichten und ausschließlich die Bilder und den O-Ton für sich sprechen zu lassen.

Literatur: Hoffmann, Kay: Zeichen der Zeit. Zur Geschichte der "Stuttgarter Schule. München: TR-Verlagsunion 1996 (Bilderwelten – Weltenbilder. 1.).


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: JH


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