Lexikon der Filmbegriffe

Tingeltangel

entstanden wohl im Berlinerischen der 1870er; die Etymologie ist ungeklärt: möglicherweise eine Lautnachahmung von Schlagzeuginstrumenten; vielleicht rückbezogen auf das ältere tingeln (= als Künstler durch die Provinz ziehen); auch als Name von billigen Singhallen (u.a. in Berlin) und Variété-Theatern des späten 19. Jahrhunderts (u.a. in Hamburg); nachweisbar ist auch die Bezeichnung Tingeltangeleuse für Sängerinnen der meist zweideutigen Texte in den entsprechenden Etablissements; engl. verwandt mit burlesque theatre, sideshow, music hall , frz. mit café chantant


Tingeltangel ist historisch eine meist abwertende Bezeichnung eines Varietés (mit einem Programm aus Gesangs, Tanz-, Akrobatik- und Dressurdarbietungen sowie Kabarettnummern), eines billigen Tanzlokals oder einer wandernden Theater- oder Kleinkunstgruppe. Der Begriff war assoziativ mit Konzepten von Halbwelt verbunden (insbesondere Prostitution und Drogenkonsum). Erst in den 1910ern neutralisierte sich der Begriff als Bezeichnung niveauloser (proletarischer) Unterhaltung mit Programmen, die auf der Grenze zu bourgeoisem Geschmack angesiedelt waren (wie das Programm „Tingeltangel“ von Karl Valentin, 1914). Erst nach dem Krieg begann sich die Bezeichnung zu neutralisieren (ablesbar etwa an der Gründung des „Tingel-Tangel-Theaters“ in Berlin durch Friedrich Hollaender 1931 [verboten 1935]).


Im Film wurde das Konzept in Kurzfilmen wie Tingeltangel (1910/11), oder  Cocl und Seff im Tingl-Tangl (Österreich 1921), später auch in Langfilmen wie Tingeltangel (1922, Otto Rippert), Tingel-Tangel (1927, Gustav Ucicky) oder Tingel-Tangel (Österreich 1930, Jaap Speyer) selbst thematisch. Die schon bis in die 1930er erkennbare Titelmode lehnte sich an die Anrüchigkeit der bezeichneten Etablissements an, kontrastierte sie aber meist mit dem dramatischen Konflikt zwischen Figuren und Milieu. Diese Strategie hält sich bis in die 1950er (etwa in dem Liebesfilm Hereinspaziert! [aka: Tingeltangel ; aka: Das Leben ist stärker ], Österreich 1952, Paul Verhoeven, oder in dem ähnlichen TV-Film Tingel Tangel , Österreich 1963, Hermann Lanske) und findet sich sogar in Titeleindeutschungen (wie in der melodramatisch erzählten Erfolgsgeschichte einer Tänzerin in The Gay Lady [dt.: Die Tingeltangelgräfin ], Großbritannien 1949, Brian Desmond Hurst).


Gelegentlich wurde „Tingeltangel“ auch als Attribut nicht nur dem gesamten Milieu der Unterhaltungstheater, sondern auch dem Filmgewerbe zugeordnet.


Literatur: Jansen, Wolfgang: Zur kulturideologischen Herkunft der Abgrenzung von U und E: Kampfbegriff „Tingeltangel“. In: Kulturkritik und das Populäre in der Musik. Hrsg. v. Fernand Hörner. Münster/New York: Waxmann 2016, S. 65-82 (Populäre Kultur und Musik. 18.).


Artikel zuletzt geändert am 04.04.2019


Verfasser: JvH


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