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Absenz (1)

von lat.: absentia = Abwesenheit

Absenzen im Film lassen sich auf verschiedenen Ebenen verorten: innerhalb und außerhalb der Kadrage und in der Montage. Innerhalb der Kadrage kann Absenz als Nicht-Sichtbares – Unsichtbares, Verdecktes, Verstecktes, Leeres – oder Spur ausgemacht werden. Außerhalb ist die Darstellung zeitlicher Aspekte ein weiterer Bestandteil: das Vorher und Nachher, das Noch-Nicht-Sichtbare und das Nicht-Mehr-Sichtbare. Das Abwesende ist zugleich anwesend, sonst könnte es nicht als abwesend erfahren werden. Das Absente ist in diesem ersten Sinne als Element der dargestellten Welt lediglich als Spur im Bild präsent und muss entweder vom Zuschauer rekonstruiert bzw. antizipiert oder von den folgenden Einstellungen verifiziert werden.
Absenzen bezeichnen allerdings in einem weiteren Sinne vor allem den hors champ, diejenigen nicht sichtbaren Bereiche des Bildes, die der Selektion und Auslassung der Kadrage zum Opfer gefallen sind. Diese Bereiche lassen sich in folgende sechs Räume (oder Seiten) aufteilen: (1, 2) die beiden Seiten, (3) das Ober- und (4) das Unterhalb des Bildfeldes sowie die Räume (5) hinter der Kulisse und (6) hinter der Kamera, aber vor der Leinwand (siehe dazu auch Oudarts Theorie der suture). Weitere Elemente der Abwesenheit bilden die Leere (bzw. die leere Einstellung) und der akusmatische Ton. Während ersteres ein menschenleeres Bildfeld als siebten hors-champ beschreibt, dessen Leere auf das absolute Off verweist, beschreibt das zweite die besondere Erscheinungsform der Abwesenheit in der akustischen Darstellung des Films.
Die filmische Leerstelle lässt sich abschließend zwischen den Bildern verorten: im Schnitt. Ebenso kann die temporale Ellipse zwischen den Bildern verortet werden: Die Auslassung von Handlung und Zeit.

Literatur: Adachi-Rabe, Kayo: Abwesenheit im Film. Zur Theorie und Geschichte des hors-champ. Münster: Nodus Publikationen 2005. – Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. München: Fink 1994. – Liptay, Fabienne: Leerstellen im Film. Zum Wechselspiel von Bild und Einbildung.  In: Koebner, Thomas & Meder, Thomas (Hg.): Bildtheorie und Film. München: edition text + kritik 2006, S. 108-134. 

von: Patrick Kruse