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Arztfigur

Die Figur des Arztes gehört zum beliebten Personeninventar des Melodramas und des Frauenfilms. Er verkörpert in den älteren Varianten der Figur durchgängig eine autoritäre Vorstellung der Medizin, die die Diagnose wie ein (Gottes-)Urteil erscheinen lässt: Manchmal ist er als gütiger alter Mann Vertrauensfigur und sagt den verwirrten männlichen und weiblichen Protagonisten, wo es brennt (gelegentlich in Gestalt historischer Arztfiguren wie Felix Sauerbruch oder Robert Koch); als fast ausschließlich männliche Autorität sieht er nach dem rechten und neigt dazu, kranken Frauen Kuren zu verordnen (die nicht selten im Umfeld eines latenten Sadomasochismus zu verorten sind); als erotische Partie wird er meist erst spät von der Heldin entdeckt, weil sie auf Abwegen war und blind für seine Qualitäten; als Idealist muss er seine egoistische Frau vernachlässigen und gerät in Ehe- oder andere Gewissenskonflikte (wie schon der Arzt in D.W. Griffith‘ The Country Doctor, USA 1909, zwischen der kranken Nachbarin und der krisenhaften Krankheit der eigenen Tochter lancieren musste). Erst mit der Entautorisierung der Medizin seit den 1960ern verändern sich auch die Arztrollen, die Beziehung wird nun egalitärer, der „Pflegevertrag“ zwischen Arzt und Patient wird spürbar.
Die Arztfigur ist deshalb so beliebt, weil sie durch Konvention und Mythos reichhaltig aufgeladen ist, daher viele dramaturgische Funktionen ökonomisch erfüllen kann und sich als Stütze der (bürgerlichen) Gesellschaft machtvoll im sozialen Schnittpunkt von Gesundheit und Krankheit befindet; die Figur des Dr. Schiwago (in Doctor Zhivago, USA 1965, David Lean) gar durchleidet alle Phasen und Potentiale der Revolution – als Arzt und Liebender, als Teilnehmender und Flüchtender zugleich. Manchmal ist der Arzt zugleich Patient, lernt so das Macht- und Rollensystem der Medizin von allen Seiten kennen (wie in The Doctor, USA 1991, Randa Haines).

Allerdings kann die Figur auch die Gestalt des fehlgeleiteten, dämonischen Mad Scientist annehmen, ist Mörder und leistet Sterbehilfe (wie in Ich klage an, Deutschland 1941, Wolfgang Liebeneiner), beginnt Menschenexperimente u.ä.m. Außerdem kommt sie in jüngerer Zeit vermehrt in traditionell „unweiblichen“ Genres wie Katastrophen- und Actionfilm zum Einsatz (wie etwa als Dr. Kimble in The Fugitive, USA 1993, Andrew Davis).


Literatur: Dans, Peter E.: The temple of healing: Reflections from a physician at the movies. In: Literature and Medecine 17,1, 1998, S. 114-125. – Dans, Peter E.: Doctors in the movies: Boil the Water and Just Say Aah. Bloomington, Ind.: Medi-Ed. Press 2000. – Karpf, Anne: Doctoring the media. The reporting of health and medicine. London: Routledge 1988. – Paietta, Ann / Kauppila, Jean: Health professionals on screen. Lanham, Md.: Scarecrow Press 1999.