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byzantinische Handlung

inhaltlich geht die byzantinische Handlung zurück auf den Griechen Heliodor von Emesa (3./4. Jahrhundert) und seinen Liebes- und Abenteuerroman Äthiopische Geschichten (auch bekannt als Die Abenteuer der schönen Chariklea), ein Werk, das durch die Bibliothéke des Patriarchen Photios aus Konstantinopel (9. Jahrhundert) auf uns gekommen ist;

Das zentrale Liebespaar wird in einer byzantinischen Handlung durch Intrige und Unwägsamkeiten des Schicksals getrennt, um sich am Ende, nicht ohne emotionalisierende und moralisierende Intentionen des Verfassers, wiederzufinden. Doch bis dahin durchleben die Getrennten eine sehr lange, komplizierte Reihe von Entführungen und Verschleppungen, Gefangenschaften, Sklaverei und Menschenhandel, Perversion und Sadismus, gewaltsame Trennungen, wundersame Rettungen per deum ex machina, effektstarke Wiederfindungen und theatralische Zusammenführungen. Ausgiebig vorgeführt werden Schiffbrüche, Piraten, Soldaten, Schlachtenszenen, und es geht nicht ohne Intrigen, Mordkomplotte, Gift und Scheintod. Die Erzählstruktur des oft phantastisch ausgeschmückten Stoffs, der einfach medias in res beginnen kann, ist von verwirrender Komplexität, mit der Tendenz zu Ereignisiterationen und rekursiven Verwicklungen. Zahlreiche personengebundene Digressionen und Einschübe ergeben ein dichtes Geflecht von Vor- und Nebengeschichten, in denen der Leser/Hörer sich immer mehr verliert. Dazu tritt die byzantinische Rhetoriktradition mit ihrem Hang zu formaler Variation, Steigerung und Kumulierung narrativer Details und zu ständiger Wiederholung von traditonell bekanntem Erzählgut. Das führt zu stilistisch ausgeprägter Ekphrasis, die durchaus auch parodistisch eingesetzt werden kann.
Die byzantinische Handlung funktioniert recht gut in der Abenteuerliteratur, die der Länge ja nicht abgeneigt ist, beim Film jedoch steht ihr dessen relativ beschränkte Dauer im Weg. Sie durchzieht daher eher die verzahnten Folgen von Space-Operas der Science Fiction, doch auch mäandernde Abenteuer-Zyklen (z.B. die Indiana-Jones-Geschichten) verwenden byzantinische Handlungsschemata. Als ein leider selten zu besichtigendes Filmereignis bleibt der dreistündige Film Rekopis znaleziony w Saragossie (Die Handschrift von Saragossa, Polen 1965, Wojciech Has) nach dem Roman des Polen Jan Potocki (1809ff.) zu nennen.

Referenzen