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Chok

Der Begriff „Choc“ (auch: „Chock“) gelangte Ende der 1930er Jahre in die Kulturtheorie, vermittelt durch Walter Benjamins Untersuchungen zum Werk Charles Baudelaires. Für Benjamin ist die Großstadterfahrung, wie sie in Baudelaires Literatur vermittelt wird, durch ihre Chockhaftigkeit geprägt: Vor allem der Straßenverkehr bestimmt mit seiner Geschwindigkeit Wahrnehmung und Lebensrhythmus der Städter und sorgt für beständige Chockerlebnisse. Demgegenüber sieht Benjamin den Reizschutz (ein aus Freuds „Jenseits des Lustprinzips“ entlehnter psychischer Mechanismus) wirken, der die Überflutung mit zu starken Reizsignalen (Chocks) verhindern soll. In seinem Kunstwerkaufsatz überträgt Benjamin dieses Konzept auf eine Wirkungstheorie der Filmmontage: Durch den beständigen Wechsel der Bilder und Einstellungen befindet sich der Zuschauer im Zustand andauernder Chockierung. Film wird damit zur Wiederholung und kulturellen Einübung des Blicks in der Moderne: „Der Film ist die der gesteigerten Lebensgefahr, der die Heutigen ins Auge zu sehen haben, entsprechende Kunstform. Das Bedürfnis, sich Choc-Wirkungen auszusetzen, ist eine Anpassung der Menschen an die sie bedrohenden Gefahren“ (Benjamin). Die Choc-Theorie ist für die Entwicklung ästhetischer Affekt-Theorien bedeutsam geworden und findet etwa in Karl-Heinz Bohrers Überlegungen zur „Plötzlichkeit“ Anwendung. 

Literatur: Benjamin, Walter: Über einige Motive bei Baudelaire. Und: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Beide in: Schriften. I,2. Frankfurt: Suhrkamp 1991, S. 605-654 u. S. 471-508. - Freud, Sigmund: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke. 12. Frankfurt: Fischer 1963, S. 1-70. – Bohrer, Karl-Heinz: Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk. München: Ullstein 1983.