Metainformationen zur Seite

cinéma brut

frz., wörtl. etwa: = rohe Filmkust; engl. auch: raw cinema

Der Ausdruck cinéma brut erscheint in dem 1927 entstandenen, jedoch erst 1949 veröffentlichten Text Sorcellerie et cinéma [Hexerei und Filmkunst] des französischen Surrealisten Antonin Artaud, der sich in den 1920er und 1930er Jahren als Filmtheoretiker und Schauspieler intensiv mit dem Medium (Stumm-)Film beschäftigt hat (er schrieb 15 Drehbücher und wirkte in 22 Filmen mit). Ebenfalls 1927 erschien sein Szenario zu La Coquille et le Clergyman, das in revidierter Form 1928 unter der Regie Germaine Dulacs verfilmt zu einem Meilenstein des surrealistischen Films wurde. Der gekränkte Poet, dem die Titelrolle nicht wie erhofft angetragen worden war, lehnte zusammen mit seiner Surrealisten-Freundesclique den Film als seine Intentionen verfehlend ab.
Artaud, der mit seinem ‚Theater der Grausamkeiten‘ (théâtre de cruauté) auch Theatergeschichte geschrieben hat, faszinierte der Versuch, geistige Prozesse – insbesondere auch Traumvorgänge sexuellen Inhalts und tranceähnliche Seelenzustände – in körperlich wahrnehmbare, für das Auge des Betrachters oft verstörende, abstoßende und grausame, den Zuschauer emotional überwältigende, eben ‚rohe‘ Unmittelbarkeit zu übersetzen. Dazu schien ihm, wie er unterstreicht, die Plastizität der ‚direkten und schnellen Sprache des Films‘ und die speziellen Techniken des Stummfilms wie Einbeziehung des Sets, Beleuchtung, insbesondere aber dessen expressionistisch-surreale Situationalität und Schauspielkunst besonders geeignet – Ansichten, die er mit seinen eigenen mimischen Darbietungen belegte. Auf dieser Grundlage einer inszenierten Antiästhetik gelang Artaud (und mit ihm auch Dulac) eine neue kinetische Ästhetik, die bis heute nachwirkt und rezipiert wird.
Gelegentlich anzutreffende Versuche, das cinéma brut auf Filme mit antifeministischen Tendenzen und expliziter Ausstellung von Brutalität und Gewalt gegen Frauen einzuengen, berufen sich auf eine feststellbare Misogynität des schizophrenen Dichters, verschieben aber den Fokus von Artaud fort und eröffnen damit ein eigenes Genre. 

Literatur: Artaud, Antonin, La Coquille et le clergyman. In: Nouvelle Revue Française (Paris), Nov. 1927. – Ders.: Sorcellerie et cinéma [1927 entstanden]. In: Oeuvres complètes. 3. Paris: Gallimard 1961 [Nachdr. 1978], S. 65-67. – Ders.: Über den Film. o.O.: o.V. 1933 [Nachdr. 1984]. – Greene, Naomi: Artaud and film: a reconsideration. In: Cinema Journal 23,4, 1984, S. 28-40.
 

Referenzen