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Cinema Nôvo

Bewegung im brasilianischen Kino der späten 1950er und 1960er Jahre, die sich als Opposition gegen den kommerziellen Film, vor allem gegen den als kolonialistisch empfundenen Hollywoodfilm und die chanchados, Karnevals- und Copacabana-Musicals brasilianischer Prägung, versteht. Besonders beeinflusst wird das Cinema Nôvo durch die politischen Ansichten und ästhetischen Techniken des italienischen Neorealismus, aber auch der französischen „Nouvelle Vague“ (die der Bewegung ihren Namen gab). Wesensmerkmal ist außerdem das Zusammenfließen von Bestandteilen von Volkskunst (indianische und Karnevalsrituale) und Oper ebenso wie verschiedener Genres (z.B. Melodrama und Western), über die oft eine chorische, überindividuelle Struktur gelegt wird. Wegbereiter der Bewegung war Nélson Pereira dos Santos, der mit geringem finanziellen Aufwand und Laiendarstellern 1955 auf den Straßen Rios den Episoden-Film Rio Quarenta Graus (dt. Rio bei vierzig Grad), der das Leben in einer Favela schildert. Danach wurden Elend und Gewalt in den Städten ebenso zu Themen des Kinos wie die Not und die Konflikte zwischen Besitzenden und Besitzlosen in den unterentwickelten ländlichen Gebieten des Landes. Die Bewegung gewann schnell internationale Aufmerksamkeit, wurde zu einem Vorreiter eines leidenschaftlich geforderten „Dritten Kinos“, das den Problemen der (nachkolonialen) Dritten Welt Ausdruck geben konnte. Insbesondere in den lateinamerikanischen Kinematographien ist der Einfluß des Cinema Nôvo klar nachweisbar. 1962 gewann Anselmo Duartes Film O Pagador de Promessas (dt. 50 Stufen zur Gerechtigkeit) in Cannes die Goldene Palme. Pereira dos Santos verfilmte 1963 Vidas Secas (dt. Nach Eden ist es weit), die Geschichte eines Viehtreibers und seiner Familie im Nordosten des Landes, ihre Vertreibung durch die Dürre, ihre Wanderung auf der Suche nach neuer Hoffnung, die Ausweglosigkeit ihres Schicksals. Deus e o Diabo na Terra do Sol (dt. Gott und Teufel im Land der Sonne, 1964, Glauber Rocha) nimmt sich des Lebens im Nordosten Brasiliens an und stellt am Scheitern der Hauptpersonen den Einfluss eines religiösen und politischen Fanatismus dar. Terra em Transe (1967, Glauber Rocha) thematisiert die politischen Kämpfe der Befreiungsbewegungen selbst, indem er einen Intellektuellen beschreibt, der zwischen politischen Extremen kaum noch zu unterscheiden weiß und als Revolutionär im Untergrund stirbt.
Zwar hatte das Militär schon 1964 die Macht in Brasilien übernommen, doch setzten erst Ende 1968 Repressionen gegen die Filmemacher des Cinema Nôvo ein. Anfang der 1970er Jahre wurde die Bewegung faktisch unterdrückt, die Filmemacher ins Exil vertrieben oder in die nun staatlich kontrollierte Filmindustrie eingebunden.

Literatur: Hermanns, Ute: Schreiben als Ausweg, Filmen als Lösung? Zur Problematik von Literatur im Film in Brasilien 1973-1985. Frankfurt Vervuert 1993 (Berliner Lateinamerika-Forschungen. 3.). – Saraceni, Paulo César: Por dentro do cinema novo. Minha viagem. Rio de Janeiro: Nova Fronteira 1993. – Xavier, Ismail: Allegories of underdevelopment. Aesthetics and politics in modern Brazilian cinema. Minneapolis, Minn. [...]: University of Minnesota Press 1997.