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Domestifizierung

auch: Domestizierung, Domestifikation; engl.: domestication, gelegentlich auch: domestification

(1) Mit domestication werden die Prozesse beschrieben, die neue Medien in die Alltagsvollzüge von Haushalten integrieren: Nutzer integrieren sie in das Alltagshandeln, es entstehen eigene Medienmenüs, die neuen technischen Möglichkeiten werden auf diesem Weg massenhaft akzeptabel, zu normalen Instrumenten des Alltagshandelns und oft über soziale Grenzen hinweg verbreitet. Der Haushalt ist die elementare soziale Formation, in der Mediengebrauch und kollektive und individuelle Identität miteinander vermittelt werden. Domestifizierungsprozesse hängen in besonderer Weise davon ab, ob sie die Autonomie und Identität des Haushalts als eine ökonomische, soziale und kulturelle Einheit schaffen oder wahren können. Die Domestifizierung neuer Technologien ist ein fundamental konservativer Prozess, in dem neue Technologien so in die Ablaufmuster ihres Alltags zu integriert werden, dass sowohl die Struktur der Lebensentwürfe der Teilnehmer wie auch die Kontrolle über diese Strukturen aufrechterhalten bleiben. Oft bringen neue Medien innerfamiliale Unsicherheiten, Orientierungs- und Kontrollprobleme für die Handelnden mit sich, so dass sich neue Medienpraxen erst nach einer Auseinandersetzungsphase herausbilden können. Insbesondere dann, wenn Haushalte Medien zur Entfaltung und Zurschaustellung ihrer Kompetenz und ihres Status innerhalb der Gesellschaft nutzen können (z.B. durch die sichtbare Ausstattung mit Fernsehen, Handy etc., die Vergrößerung sozialer Netzwerke durch Telefon u.a.m.), aber auch dann, wenn Medien zur Präzisierung der innerfamilialen Rollenverteilung beitragen können und sich neue, medienbezogene Machtverhältnisse herausbilden können (Herausbildung der Familienfotografie, Macht über Programmselektionen etc.), entstehen Integrationsformen zwischen Medien und Alltagspraxen. Dabei spielt oft auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung eine Rolle (wie bei der Ablösung des Briefverkehrs durch Email-Kommunikation, bei der partiellen Substituierung des Kino-Filmkonsums durch kollektive Video- und DVD-Besichtigungen vor allem unter jüngeren Zuschauern u.ä.).

Literatur: Lie, Merete / Sørensen, Knut H. (eds.): Making technology our own? Domesticating technology in everyday life. Oslo: Scandinavian University Press 1996. – Röser, Jutta (Hrsg.): MedienAlltag. Domestizierungsprozesse alter und neuer Medien. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2007. – Silverstone, Roger / Hirsch, Eric (eds.): Consuming Technologies. Media and information in domestic spaces. London: Routledge 1992.

(2) Manche Figuren des öffentlichen Lebens stellen sich gegen ihre Images, provozieren und verhalten sich so, dass sich Widerspruch des Publikums regt. Die Prozesse, die dazu führen, dass das Empfinden einer „Störung“ der (symbolischen) öffentlichen Ordnung sinkt, werden oft Domestifizierung genannt – eine Metapher, die auf die Zähmung der wilden Tiere und ihre Transformation zu Haustieren hindeutet. Am Anfang der Domestifizierungsprozesse steht oft ein Medienskandal. Wenn also eine Schauspielerin wie Ellen DeGeneres sich 1997 in ihrer Sitcom Ellen als Lesbierin outete (in der Folge The Puppy Episode / dt. Das Outing), wurde sie zwar für diese Folge mit dem Emmy ausgezeichnet, verlor aber ihre Verträge als Schauspielerin – ihre ABC-Network-Talkshow wurde trotz guter Quoten eingestellt; erst 2003 gelang ihr mit der mehrfach ausgezeichneten Talkshow The Ellen DeGeneres Show ein Comeback. „Domestifizierung“ und „Normalisierung“ hängen eng miteinander zusammen; darum auch ist die Geschichte der Veränderung von Vorurteilen (z.B. über Geschlechterrollen, ethnische Rollen etc.) mit einer Vielzahl von Störungen und folgenden Domestifizierungen begleitet. 

Literatur: Skerski, Jamie: From Prime-Time to Daytime. The Domestication of Ellen DeGeneres. In: Communication and Critical/Cultural Studies 4,4, Dec. 2007, S. 363-381.